Gangnam Style oder: Die Fabel vom Weißen Apfel

Nicht alles geht mir hier perfekt von der Hand. Eine kleine Geschichte vom Indiehosegehen möchte ich mit euch teilen. Und zwar als Märchen erzählt, damit es nicht allzu selbstmitleidig wird. 🙂

Die Fabel vom Weißen Apfel

Vor langer langer Zeit lebte einmal ein Hänschen, das auf der Suche nach dem Weißen Apfel war. An einem sonnendurchfluteten Morgen brach es zunächst zu einem Früstücksschmaus auf und schlenderte danach kurvenreich gen Süden. Irgendwann kam es an die Pforten eines wohlhabenden Königreichs, das weithin als „Gangnam“ bekannt war.

Es war ein sagenumwobenes Land, dieses Gangnam. Ein Land voller Zauberer, die für entsprechende Gaben jeden Dolm in einen Prinzen und jedes Lotterlieschen in ein entzückendes Prinzesschen verwandeln konnten. Und für diese Prinzessinnen und Prinzen gab es überall Plätze der Zweisamkeit, wo sie ihre Schönheit gemeinsam demonstrieren und genießen konnten.

Inmitten dieser Schönen taumelte das kleine Hänschen durch die Gassen und war wie verzaubert. Doch er nahm all seinen Willen zusammen und ließ nicht von der Erinnerung an den Weißen Apfel ab. Er hatte nämlich einst die Kunde vernommen, dass jener just in Gangnam verborgen sei.

Man erzählte sich, dass die Bäume des Weißen Apfels aus Setzlingen aller Herren Länder erwuchsen und daraus magische Kräfte zogen. Man erzählte sich auch, dass die Äpfel nur von zartesten Kinderfingern geerntet werden durften, damit sie ja nicht beschädigt würden.

Hänschen suchte und suchte. Er schritt durch die Plätze der Zweisamkeit hindurch bis in die tiefsten, dunkelsten Drachenschlunde und in die alles verschlingenden Moraste des nördlichen Brachlands, stellte sich sämtlichen Schatten und selbst den schlüpfrigsten Schwindlern. Und irgendwann erreichte er tatsächlich sein Ziel – den legendenumwitterten Palast der Weißen Äpfel.

Das Hänschen rieb sich ungläubig die Augen. „Kann es denn wahr sein?“, murmelte er still vor sich hin. „Hierher kam ich auf der Suche nach einem Weißen Apfel und nun finde ich gleich deren Palast. Des Glückes Schmied ist mir heute wahrlich wohl gesonnen.“ Doch es war keine Einbildung und nur noch wenige Schritte waren zwischen ihm und der Pforte. Er wandte sich kurz ab und zerdrückte eine Träne. Dann richtete er sich wieder auf, zog die Schultern nach hinten und trat durch die Pforte in den Palast des Weißen Apfels.

Er erblickte eine ungeheuerliche Menschenmenge, und zog instinktiv den Kopf wieder ein. Leicht gebückt begann er, durch die Prinzessinnenscharen und Prinzenbanden zu schlendern. Nie hätte er sich gedacht, dass es mehr als einen Weißen Apfel geben könnte. Nun entdeckte er staundenden Auges ganz große und ganz kleine Äpfel, stehende und liegende Äpfel, flache und dicke Äpfel, goldene, rosarote und silbergraue Äpfel, faltbare Äpfel. Und alle davon gab es in drei Größen.

Hänschen war verwirrt. Er stoppte einen der zahllosen Lakaien, um zu erfahren, welcher dieser Äpfel denn der einzig wahre Weiße Apfel sei. Nach viel gutem Zureden ließ sich der Lakai auch die Wahrheit entlocken und Hänschen begann an Ort und Stelle einen Plan zu spinnen. Er zog sich zurück und sammelte seine Kräfte. Er fand einen vertrauenswürdigen Steuermann mit dem er Zwiesprache hielt. Dem Hänschen gelang es allerdings nicht, ihn für seinen Plan anzuwerben, denn der Walfang schien dem Steuermann ein lukrativeres Geschäft.

Schließlich kehrte Hänschen zum Palast zurück. Diesmal lies er die Lakeien sein und widmete sich den Mägden. Doch die Mädge kamen von weit her und verstanden ihn nicht. Sie ließen sich aber erbarmen und holten eilig eine Fee herbei, die allen Dialekten aller Lande fähig war. Die Fee sauste und sauste um das Hänschen und erzählte Geschichte um Geschichte während es immer weiter sauste und sauste. Dem armen Hänschen wurde alsbald schwindelig von soviel sausen, aber es öffnete letzten Endes seinen Geldbeutel, um den neuesten und schönsten Apfel sein Eigen werden zu lassen.

Gleichermaßen euphorisiert und schuldbeladen, aber mit erhobenem Haupt ob der vollbrachten Heldentat kehrte Hänschen in seine Heimat zurück, wo er seinen neuen Besitz noch geheim hielt. Er wollte nämlich noch die magischen Kräfte seines Weißen Apfels austesten, bevor er ihn der Öffentlicheit präsentierte. Und wahrlich: er war eine Schönheit sondergleichen, leuchtete in den brillantesten Farben und war, kurz gesagt, eine Genuss für alle Sinne. Und doch schien der Apfel unglücklich, jetzt wo er so weit von seinem Palast entfernt war. Es war, als ob hinter brillianter Schale und unbeschreiblichem Fruchtfleisch, ein faules Kerngehäuse lauerte und die magische Kraft, die die Äpfel dieser Welt einander nah sein lässt, bösartig und rücksichtslos aufsaugte.

Als Hänschen das Leiden des Apfels bemerkte, stieß er einen Schrei aus, der bis zu den Göttern des Ayers Rock hallte. Und alle Götter von unten und drunten wollten ihm helfen, doch auch sie verzweifelten, verloren die Geduld und warfen Hänschen als Strafe für die Ruhestörung in eine Zeitschleife. Mühselig befreite er sich und packte niedergeschlagen seine Siebensachen und den Apfel in einen Beutel und brach wiederum nach Gangnam auf.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kehrte er zum Palast der Weißen Äpfel zurück. Nachdem er die Pforte durchschritt musste er keine vier Schritte gehen, bevor wieder dieses nunmehr wohlbekannte Sausen ertönte.

„Schön, dass du wieder da bist.“, raunte die Fee und lächelte ihn freundlich an. Hänschen packte trotz seines Ärgers das schlechte Gewissen. „Ich denke, ich muss leider etwas retournieren.“, hauchte er kraftlos dahin. Er fühlte sich, als würde er die überwältigende Gastfreundschaft des Palastes beleidigen. Doch die Fee ließ sich nichts anmerken. „Okay, kein Problem!“ schallte sie, bereinigte den Apfel und gab dem Hänschen ohne Murren seinen Geldbeutel zurück. Als er sich wieder nach draußen aufmachte, raunte sie ihm noch nach: „Mach’s gut, ja!?“.

So war das Hänschen nach diesem Abenteuer wie hin und her gerissen. Trotz all der bekannten überschwenglichen Mythen über den Weißen Apfel hätte er sich die Schönheit des Palastes nicht besser erträumen können. Und doch schienen die Äpfel und er nicht kompatibel zu sein.

„Von Obst hab ich jetzt genug!“, dachte sich Hänschen, als er dem legendären Königreich Gangnam zum zweiten Mal den Rücken kehrte. “

Und wenn er nicht gestorben ist, dann sieht man ihn noch heute durch sein Fenster.

 

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