Hanyangdoseong: In Seoul um Seoul herum

Hallo aus Seoul! Seoul hat eine Stadtmauer („Hanyangdoseong“) und die will ich heute ein wenig vorstellen. Eine Geschichte über Schweiß, Konfuzius und viele Stufen …

Was kann die Mauer?

Das Tourismusbüro (Webseite auf Deutsch) hat das Potenzial dieser Mauer voll erkannt und es gibt einen sehr gut ausgeschilderten Rundwanderweg mit dazugehörigem Wanderführer (Übersichtskarte ist hier). Dieser Rundwanderweg ist eine schöne Gelegenheit, die Stadt Seoul und ihre vielen Facetten in kurzer Zeit und relativ unkompliziert kennenzulernen. Neben drei, vier bergigen Abschnitten gibt es auch Strecken, die durch den normalen Großstadtwahnsinn führen.

Es gibt Pläne und Infomaterial in den einschlägigen Tourist Information Büros, aber der Weg ist narrensicher ausgeschildert. Einerseits durch klassische Wegweiser, andererseits durch Bodenplatten:

Der Name Hanyangdoseong kommt vom alten Namen der Stadt Seoul: Hanyang. „Doseong“ heißt einfach „Mauer“. Nicht extrem originell, aber man muss nicht immer mit der Kirche ums Kreuz.

Leider sind nicht alle Abschnitte der Mauer im Original erhalten (ein Opfer der Stadterweiterung), allerdings hat man sie über die Jahre renoviert oder rekonstruiert. Zwar ging das nur dort, wo noch nicht alles verbaut war, aber die Mauer ist trotzdem ein echter Hingucker (von den acht Stadttoren ganz zu schweigen). Bei Nacht trifft das noch mehr zu als untertags, denn es sind alle Abschnitte sehr schön beleuchtet.

Wie anstrengend ist es?

Das wichtigste zuerst: die ganze Runde auf einmal zu gehen ist eher illusorisch. Sinnvoller ist es, sich einen oder zwei Gipfel vorzunehmen. Insgesamt erstreckt sich Hanyangdoseong über knapp zwanzig Kilometer und vier „Stadtgipfel“: Namsan (265 Meter), Naksang (125 Meter), Baegaksan (342 Meter), Inwangsan (338 Meter). Von allen gibt es eine schöne Aussicht in alle Richtungen. Der Aufstieg erfolgt meistens über eigens angelegte Holz- oder Steintreppen. Das heißt, man braucht (mit einer Ausnahme) keine Wanderschuhe. Das heißt aber auch: es ist so richtig steil. Zum Baegaksan legt man sicher 200 Höhenmeter Stufen-weise zurück.

Der eine Berg, der eine gewisse Ausrüstung verlangt, ist Inwangsan. Dort geht es die letzten Meter mit Halteseil auf in Felsen gehauenen Knochenbrecherstufen dahin. Hier sind Wanderschuhe definitiv nicht fehl am Platz.

7 Tage pro Woche, 24 Stunden am Tag

Einige Wegabschnitte und auch die Stadtmauer selbst werden bei Nacht sehr gut ausgeleuchtet. Das heißt, diese Wanderungen können auch für die erste Jetlag-Phase eine interessante Aktivität sein. Das gilt insbesondere für Namsan und Naksan. Der Inwangsan-Steig ist montags ganztägig geschlossen, aber sonst Tag und Nacht zugänglich.

Baegaksan ist in einer militärischen Sicherheitszone, nur zwischen 9 und 16 Uhr zugänglich (November bis Februar: 10 bis 15 Uhr) und montags gesperrt. Dort muss man bei den drei Eingängen im Information Center einen Antrag auf Eintritt stellen (Name, Telefonnummer, Adresse) und sich ausweisen. Das ist aber nur eine Formalität und schnell erledigt.

Das absolute Highlight des Baegaksan-Abschnitts ist ein alter Baum mit originalen Einschusslöchern von einem fehlgeschlagenen nordkoreanischen Kommando-Angriff auf den Präsidentenpalast in Seoul (geschehen 1968). Aufgrund dieses Angriffs war dasGelände lange Sperrzone und ist erst seit 2007 wieder zugänglich. Das Fotografieren ist allerdings oft verboten oder eingeschränkt (nur in bestimmte Richtungen).

Die Stadttore

Neben den schönen Ausblicken von den vier Gipfeln bietet der Rundwanderweg auch schöne Stadttore. Besonders die drei Haupttore sind beeindruckend. Ursprünglich gab es vier davon, das Westtor hat allerdings nicht bis heute überlebt. Das Nordtor ebenfalls nicht, es ist aber mittlerweile rekonstruiert.

Interessante Geschichten erzählen die chinesischen Originalnamen der Tore. Sie sind den konfuzianischen Haupttugenden gewidmet:

  • Sungnyemun (Südtor)
    Das chinesische Zeichen „Ye“ bedeutet in etwa höflich, respektvoll, hilfsbereit.
  • Donuimun (Westtor)
    „Ui“ bedeutet gerecht.
  • Sukjeongmun (Nordtor)
    „Ji“ bedeutet weise und meint damit jemanden, der Richtig und Falsch unterscheiden kann.
  • Heunginjimun (Osttor)
    „In“ bedeutet großzügig oder liebend.

Vervollständigt werden diese Bedeutungen durch einen Tempel im Stadtzentrum mit dem Namen Bosingak. „Shin“ heißt übersetzt zuverlässig oder vertrauenswürdig. Alles zusammen ergibt die fünf „Kardinalstugenden“ des Konfuzianismus. (Es ist erstaunlich, aber letztlich irgendwie logisch, dass in den christlichen Evangelien die gleichen Eigenschaften im Vordergrund stehen.)

Aus dem Han Shu: „Die fünf Tugenden eines pflichtbewussten Menschen sind Gütigkeit, Gerechtigkeit, Anstand, Weisheit und Aufrichtigkeit.“

Et voilà:

Mehr Details gibt es im deutschen und englischen Wikipedia in den Artikeln Stadtmauern von Seoul und Fortress Wall of Seoul und The Eight Gates of Seoul.

Für einen Überblick über Konfuzianismus empfehle ich den Weltreligionen-Schwerpunkt der „Zeit“ aus dem Jahr 2007 (Konfuzianismus im Überblick) und das Budopedia.

Das war’s für heute. Beste Grüße aus Seoul.

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