Ich und die anderen 25 Millionen

Hallo aus Seoul!

Ich wollte heute einen Artikel über das hiesige U-Bahn-System schreiben und bin während dessen draufgekommen, dass ich zuerst die schiere Größe der Region Seoul  veranschaulichen sollte.

Wie lebt es sich so unter 25 Millionen?

Beachtlicher Weise merkt man Seoul diese unglaubliche Masse an Bewohnern nur selten an. Während mich das etwas kleinere Bangkok mit seiner dichten Bebauung und menschendurchfluteten Straßen etwas nervös und atemlos gemacht hat, ist Seoul relativ großzügig angelegt. Natürlich gibt es viele Wolkenkratzer, aber auch breite Straßen.

Ich hatte zugegeben ein Riesenglück eine Wohnung in Huam-dong zu bekommen, denn hier (wie fast überall im Bezirk Yongsan) gibt es kaum Hochhäuser und die Menschen leben nicht so dichtgedrängt, wie in den mächtigen Wohnburgen. Wenn sich Wien ein Beispiel an Seoul genommen hätte, wäre die Donau auf der gesamten Länge mit einer endlosen Schöpfwerk-Siedlung verbaut. Auch wenn die Wohnblöcke in Seoul deutlich moderner, ansehnlicher und besser ausgestattet sind, als so manches Wiener Gemeindebau-Ungetüm (von den Kommunismus-Relikten in Bratislava-Petrzalka ganz zu schweigen), bekomme ich von so viel Beton doch ein etwas erdrückendes Gefühl. Wenn man noch bedenkt, dass die Wohnungen in Seoul ein Stück kleiner und niedriger sind als in DÖCHL (= Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein) kann man ahnen wie viele Menschen in so einem Wohnkomplex zusammenleben.

Wie geht’s im Öffentlichen Verkehr?

Die Seoulite-Öffis funktionieren. Und zwar gut. Punkt. Aber manchmal muss man sich etwas überwinden.

In der Silvesternacht habe ich eine Art Straßenfest mit Feuerwerk in der Lotte World besucht. Die Menschenmassen vor Ort und vor allem die Heimfahrt mit der U-Bahn haben so ziemlich alles an klaustroautistischen Hemmungen aus mir rausexorziert. Ich dachte mit eingefrorenem Lächeln an die Wiener Vorstellungen von einer „vollen U-Bahn“ zurück. Im Endeffekt hat mir in dieser Situation meine Größe weitergeholfen. Obwohl jeder Quadratzentimeter des Bahnsteiges samt der hinauf führenden Treppen mit Menschen vollgequetscht war, hatte ich immerhin eine Leuchtturmperspektive, großen Überblick und frische Luft :-). Natürlich habe ich mir beim Einsteigen in die U-Bahn ordentlich den Kopf gestoßen, aber das habe ich dankbar ertragen.

In den Monaten seither habe ich es zweimal nicht geschafft, bei meiner Station aus der U-Bahn auszusteigen. Es waren zu viele Menschen im Weg und das „Jamshimanyo“ (dt. Warten Sie./Machen Sie Platz.) ging mir wohl zu zögerlich über die Lippen. Die gute Nachricht ist: das Zurückfahren kostet meistens nichts extra. Und man lernt. Wenn man weiß, wo man aussteigen muss, dann fährt man eben ein oder zwei Haltestellen davor schon die Ellenbogen aus.

Der tägliche Bussport

Die Königsdisziplin ist das elegante Manövrieren in einem überfüllten Bus. Hier gibt es zwei Probleme: Erstens ist der Busfahrer vermutlich jenseits von Gut und Böse und damit jederzeit für eine plötzliche Richtungs-  oder Geschwindigkeitsänderung zu haben. Daraus folgt, dass Festhalten zur Überlebensfrage wird. Zweitens muss man leider eine Hand freihalten, um seine Fahrkarte (T-Money-Card) vor dem Aussteigen zu scannen und darf diese dabei nicht aus der Hand gleiten lassen.

In der Praxis vollführt man dann einige breakdanceartige Verknotungen, benutzt allenfalls einen Mitreisenden als Puffer (interessiert niemanden) und springt dann – wie im Freibad – in Arschbombenhaltung aus der sich langsam öffnenden Bustür. Warum Arschbombenhaltung? Die Tür ist sehr niedrig und der Abstieg steil (Niederflurbusse sind selten). Also: Beine anwinkeln, Kopf einziehen und flugs raus.

Aber bevor dieser Text endgültig zur Satire wird, betone ich nochmal: das Verkehrssystem in Seoul funktioniert. Und zwar gut.

Und jetzt noch das:

Fakten über Fakten

845.900.000.000 US-Dollar hat Seoul 2014 erwirtschaftet. Damit ist es eines der finanzstärksten Ballungszentren der Welt, geschlagen nur von Tokyo, New York City und Los Angeles.

2.856.500.000 Fahrgäste zählte die Seouler U-Bahn im Jahr 2016 (London: 1,4 Milliarden)

25.600.000 Menschen leben in der Metropolregion Seoul. Nur Tokyo und Jakarta sind laut ALLEN Statistiken größer. „Offiziell“ ist Seoul meistens Nummer fünf.

10.200.000 Menschen leben in der Stadt Seoul (Nummer eins ist hier Shanghai mit rund 25 Millionen).

1.889.081 Menschen leben aktuell in Wien (Berlin: 3.574.830).

249.914 Menschen leben in meinem Heimatbezirk Yongsan-gu. Es ist der drittkleinste der fünfundzwanzig Bezirke.

194.820 Menschen leben im größten Bezirk Wiens (Favoriten).

17.000 Menschen leben durchschnittlich pro Quadratkilometer in Seoul. Es ist laut Wikipedia die am zweitdichtesten besiedelte Großstadt der Welt nach Paris.

4.502 Menschen leben durchschnittlich pro Quadratkilometer in Wien (Berlin: 4.009 km²

605,21 km² ist die Fläche der Kernstadt Seoul (das sind nur 50 % mehr als Wien und ein Drittel weniger (!) als Berlin).

331,5 km lang ist das U-Bahn-Netz in Seoul (307 Stationen). Zum Vergleich: London kommt auf 402 km (270 Stationen), Berlin auf 146 km (173 Stationen) und Wien auf 83,1 km (104 Stationen).

11 Mal wurde Seoul-Incheon als bester Flughafen der Welt ausgezeichnet.

7 war die Platzierung von Seoul in der Wertung der nachhaltigsten Städte der Welt 2016.

6 war die Platzierung von Seoul in der Wertung der teuersten Städte der Welt 2017.

Alle Quellen: Wikipedia (en/de).

Das war’s für heute. Beste Grüße aus Seoul!

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