ÖffiSeoul: U-Bahn fahren

Wie fährt es sich eigentlich mit der U-Bahn in Seoul? Werden die Leute wie in Tokyo von Security-Personal unsanft hineingestopft oder ist alles ganz entspannt? Die Antwort gibt’s hier.

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Seoul vs. Tokyo

Ich muss mich hier zunächst als völlig ignorant outen, denn ich war selber noch nicht in Tokyo. Allerdings denke ich, dass alle in diversen Nachrichtensendungen oder auf YouTube schon den Ausnahmezustand in Tokyos öffentlichem Verkehr zur Stoßzeit gesehen haben. Falls nicht, gibt es folgendes Video:

Und nun die Linie 2 in Seoul, Gangnam Station, Stoßzeit

Tipp: Die letzte Minute des Videos nicht vergessen, da gibt’s schöne Aufnahmen einer überfüllten Station.

Die U-Bahn in Seoul

In Wien beträgt die durchschnittliche Distanz zwischen zwei U-Bahn-Stationen 771 Meter (Daten der Uni Wien). In Seoul ist das eher eine Mindestdistanz. Auf der Linie 4 liegen die Stationen zwischen 0,7 und 3,7 km (!) auseinander (Daten von Wikipedia).

Die längste U-Bahn-Linie Wiens (U1) braucht für 19,2 km und 24 Stationen fahrplanmäßig 34 Minuten. Die Linie 4 in Seoul braucht für 31,7 km und 26 Stationen theoretisch 52 Minuten – das bezieht sich jedoch nur auf den Abschnitt in der Kernstadt. In der Metropolregion hat diese Linie noch weitere 22 Stationen und die Streckenlänge beträgt insgesamt 72,1 km.

Die halboffizielle Richtlinie für U-Bahn-Reisezeit sind zwei Minuten von Station zu Station in der Kernstadt und drei Minuten in der Metropolregion.

Ein kleines Beispiel: Von Donam-dong zum Goethe-Zentrum

Die erste Wohnung, die ich im Blick hatte, befand sich im Stadtteil Donam-dong nahe der Station Gireum. Als ich recherchiert habe, hat es relativ machbar ausgesehen: von der Wohnung zur Station, dann neun Stationen U-Bahn und zuletzt noch 3 Stationen mit dem Bus. Dann flugs in Goethe-Zentrum. Hört sich läppisch an, dauert aber mindestens 50 Minuten. Warum?

  1. Viele U-Bahn-Stationen sind sehr weitläufig. Die Wohnung ist nicht nahe der Station, sondern nahe an einem Abgang in die Station. Unterirdisch kann man dann noch mit fünf Minuten Fußweg rechnen.
  2. Die U-Bahn-Stationen liegen relativ weit auseinander. Neun Stationen bedeuten etwa 20 Minuten reine Fahrzeit.
  3. Das Umsteigen bei Seoul Station (= Hauptbahnhof) ist besonders langwierig. Hier sind es von Bahnsteig bis Busstation nicht fünf Minuten, sondern eher 10-15 Minuten.
  4. Der Bus 402 quält sich zwischen Hauptbahnhof und Namdaemun-Markt durch eine Hauptstraße, weshalb auch für die drei Busstationen zehn Minuten eingeplant werden müssen.

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Stationsplan Seoul Station: fünfzehneinhalb Ausgänge plus Umsteigetunnel.

Da meine Arbeit und meine Wohnung sehr nah beieinander liegen, erspare ich mir den Stoßzeit-Wahnsinn im Normalfall komplett. Gott sei Dank!

Ich fühle mit meinen Kolleginnen und Kollegen, die teilweise 90 Minuten Anreisezeit haben.

Fuhrpark und Fahrkomfort

Der Fuhrpark ist recht unterschiedlich. Die äußerst stark frequentierte Linie 2 hat als älteste reine U-Bahn-Linie der Stadt leider mit dem ältesten Wagenmaterial zu kämpfen. Wenn man den Berichten der Korea Times glauben darf, dann kommt es dort auch zu den meisten technischen Problemen. Grundsätzlich ist der Fuhrpark aber tadellos.

Wie in den meisten U-Bahn-Systemen der Welt gibt es in Seoul keine Sitzgruppen in den Waggons, sondern nur Sitzplätze an den Längsseiten. Das bringt reichlich Platz zum Stehen und damit eine höhere Passagierkapazität.

Die Sitzplätze sind schön gepolstert, aber eher für koreanischen Körperbau gemacht. Leute, die ein bisschen größer und/oder breiter sind, werden mit ihren Sitznachbarn ziemlich auf Tuchfühlung gehen. Das ist manchmal ein bisschen unangenehm oder zumindest ungewohnt, aber die Menschen in Seoul haben relativ wenig Hemmungen. Es gilt nicht die Wiener Regel, wonach eine Sitzgruppe mit vier Plätzen schon voll ist, wenn eine oder zwei Personen dort sitzen.

Für große Menschen gibt es in der U-Bahn nur eine Gefahr: Ein- und Aussteigen. Die Einstiegstüren sind nur rund 185 cm hoch. Wenn man größer ist, muss man den Kopf einziehen. In manchen Zügen sind Monitore (Stationsanzeige und Werbung) ans Dach montiert. Die sind ein bisschen höher, als die Einstiegstüren.

Wer ist der Boss?

Die Aufgabenverteilung ist etwas undurchsichtig. Es gibt nicht nur den städtischen Betreiber Seoul Metro, obwohl dieser die meisten Linien managt. Linie 1, andererseits, ist eine „reformierte“ S-Bahn und wird Großteils von der Koreanischen Eisenbahn betrieben (KORAIL). Linie 9 ist weitestgehend in der Hand des Privatunternehmens Metro9. Nur der östlichste Streckenabschnitt zwischen Sinnonhyeon und Sports Complex liegt in der Verantwortung von Seoul Metro. Die Linien 3 und 4 sind Kooperationen zwischen Seoul Metro und KORAIL.

Noch ein Video

Wer sich eine gemütliche U-Bahn-Fahrt (definitiv nicht Stoßzeit) komplett ansehen will, kann hier tun:

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