Insa Style, oder: Die Fabel vom musikalischen Geldbeutel

Hallo aus Seoul! Hänschen ist schon wieder was passiert. Nach dem Abenteuer um den Weißen Apfel in Gangnam verschlägt es den Armen diesmal in die Künstlerkommune Insa-dong. Eine Geschichte vom Indiehosegehen.

Die Fabel vom musikalischen Geldbeutel

Hänschen rutschte das Herz in die Hose. Da stand er nun, der arme Thor, so dumm herum wie nie zuvor. Vor seiner gesamten Bekanntschaft und den Marktschreiern, inmitten seiner wöchentlichen Einkäufe, ging sein Griff zum Geld ins Leere. Schamesröte fuhr ihm ins Gesicht und er erstarrte. Die nette Marktfrau hatte ihm seine Waren gewissenhaft gestapelt und verpackt und nun stellte er fest, dass ihm sein Geldbeutel abhanden gekommen war. In einer Millisekunde schossen ihm wildeste Gedanken durch den Kopf. Fieberhaft überlegte er nach Alternativen zu der sich ankündigen Schmach. Als die Marktfrau ihn bereits skeptisch anzusehen begann, erinnerte sich Hänschen an den Notgroschen in der Geheimtasche seiner Hose. Er dreht sich für einen Moment von der Marktfrau weg, öffnete die Geheimtasche und sprach insgeheim ein Stoßgebet, dass das geheime Geld doch bitte ausreiche. Und tatsächlich! Es reichte aus. Unmerklich atmete er tief durch, reichte der Marktfrau das Geld, packte seine Sachen zusammen und eilte nach Hause. Dort setzte er sich schwer atmend auf einen Schemel. Panik brach langsam in ihm aus. Wo könnte der Geldbeutel bloß geblieben sein?

In Gedanken reiste er zurück in die Vergangenheit. Es war der erste Freitag des Stierkreises. Wo könnte der Geldbeutel bloß geblieben sein? Die Läden und Handwerker waren bereits alle am Schließen. Selbst wenn ein ehrlicher Mensch den Beutel gefunden haben sollte, wäre es nach Marktschluss nun sinnlos, sich auf die Suche zu machen. Hänschen würde nur verschlossene Türen antreffen. Er ging in seinem kleinen Häuschen auf und ab. Die Panik wuchs. Er glaube an das Gute in den Menschen, aber wusste um das Schlechte und entschied, etwas zu unternehmen. Doch es war bereits Nacht geworden. Das einzige andere Häuschen, wo zu dieser Stunde noch Licht brannte, war jenes der Wahrsagerin. Hänschen fasste einen Entschluss. Es gab keine andere Möglichkeit, als sein Glück mit der Wahrsagerin zu versuchen. Er kleidete sich an und öffnete die Tür und trat heraus in die Nacht. Zögerlich und skeptisch näherte er sich ihrem Haus. Von der Straße konnte er ins Wohnzimmer sehen, wo viele Kerzen flackerten und den Raum fast taghell ausleuchteten. Die Wahrsagerin hatte Gäste. Drei andere Frauen waren bei ihr. Und doch taten die vier Frauen nichts Besonderes. Es schien, als warteten sie auf etwas. Doch was sollte mitten in der Nacht schon passieren?

Hänschen atmete nochmals tief durch und klopfte an die Tür. Nach Sekunden öffnete die Wahrsagerin die Tür und bat ihn mit leiser Stimme hinein: „Wir haben auf dich gewartet, Hänschen. Warum bist du heute so zögerlich?“. „Ich befürchte ich habe einen großen Unfug gemacht.“, antwortete er. Als er das Wohnzimmer betrat begrüßte er die anderen drei Frauen. Nur eine erwiderte seinen Gruß, die anderen beiden schienen von weit her zu sein und verstanden ihn vielleicht nicht.

Er schilderte ihnen sein Dilemma. Er hatte seinen Geldbeutel verloren und wusste nicht, wo er anfangen sollte, danach zu suchen. Die Wahrsagerin setzte sich neben ihn und legte ihre Hände auf seine Stirn. „Wir werden in deine Vergangenheit reisen und den Beutel dort suchen.“ Hänschen wollte etwas sagen, doch plötzlich fühlte er sich unendlich müde. Er glitt hinab ins Tal der Träume. Nur die Stimme der Wahrsagerin hielt ihn mit einem Ohr in der Wirklichkeit. Die Zeit begann rückwärts zu laufen. Er reiste wieder zurück zum Markt und zu der Marktfrau und seinen Bekannten. Bald darauf befand er sich in einem Wald und hielt seine nackten Füße in einen eisigen Gebirgsbach. Er erinnerte sich an den wohligen Schmerz den er empfand, als er seine geschundenen Füße in den Bach hielt. Doch er tat das am Ende einer Reise und nicht am Anfang. Alles lief nun rückwärts. Das Ende der Wanderung war plötzlich der Anfang. Schon zog er seine Füße wieder aus dem eisigen Bach und schnürte seine Schuhe zu. Er erklomm den Bukhänschen Berg, der hinter seinem Haus lag und stahl das Futter der Katzenfamilie, die irgendwann am Gipfel sesshaft geworden war. Er genoss die angenehme Frühjahrssonne und die schöne Aussicht, stieg dann wieder herab, fuhr nach Haus und legte sich im Morgengrauen schlafen. Mit Schrecken erkannte Hänschen, dass er seinen Geldbeutel bereits gestern verloren haben musste, denn heute hatte er ihn gar nicht gebraucht, bevor er für seinen Wocheneinkauf zum Markt fuhr. Er malte sich aus, dass sich ein Fremder mit seinem Geld aus dem Staub gemacht hatte.

Am nächsten Abend stand Hänschen auf und machte mit seiner Leier ein bisschen Musik. Ein paar Stunden später trat er hinaus in die Nachmittagssonne und schleppte die Leier bis in den Nachbarort Insa, wo sich viele Künstler und Handwerker angesiedelt hatten und oftmals fahrende Leute vorbeischauspielerten. In den engen Gässchen fand er irgendwann ein einladendes Geschäft. Der Besitzer sprach eine andere Sprache als das Hänschen, aber bat ihn herein und deutete auf einen Schemel. Hänschen setzte sich und begann mit seiner Leier zu spielen. Dem Besitzer gefiel Hänschens Musik und er bedeute, seinen Geldbeutel gegen Hänschens Leier tauschen zu wollen. Das Hänschen zögerte. Dann nahm er den Geldbeutel und warf einen Blick hinein. Es waren beachtliche Reichtümer darin. Hänschen fühlte sich fast etwas schlecht, so viel Geld anzunehmen, aber letztlich konnte er das Angebot nicht verwehren. Er nahm den Beutel an sich, ließ die Leier zurück und trat auf die Straße hinaus. Er suchte eine Lokalität auf und bekam ein exotisches Getränk mit grünen Früchten serviert. Er nahm den Geldbeutel in beide Hände. Als er den Beutel genauer ansah, durchfuhr Hänschen eine seltsame Ahnung. Er grübelte und grübelte, aber fühlte sich wie in einem Traum und seine Gedanken hatten kein Ziel und keine Richtung. Doch plötzlich vernahm er die zarte Stimme einer alten Frau. Seine Gedanken folgten der Stimme und mit einem Mal gewann er seine Orientierung zurück. Er öffnete die Augen, blickte auf die vier Frauen im Wohnzimmer der Wahrsagerin und rief laut: „Heureka! Der Musiktrödler! Dort habe ich den Geldbeutel vergessen, als ich mir die neue Leier gekauft habe.“. Die Wahrsagerin lächelte, ihre drei Gäste blickten sie erwartungsvoll an. „Heureka!“, wiederholte sie mit zarter Stimme.

„Aber jetzt ist es schon zu spät und zu dunkel, um nach Insa zu reisen. Ich muss bis Sonnenaufgang warten und bis dahin könnte jemand mein ganzes Geld verprassen!“

„Sorge dich nicht, mein lieber Hans, wir sind Wahrsagerinnen und werden die Zukunft deines Geldbeutels beschützen. Vielleicht war es auch Glück, denn es ist ein großes Geschenk, wenn dein Reichtum nicht nur aus Gold, sondern auch aus Musik besteht. Denn Musik ist Harmonie und wer reichlich Harmonie besitzt, der ist den Göttern gleich.“

Am nächsten Morgen fuhr Hänschen hoffnungsfroh zurück zum Städtchen Insa und fand in den engen, wirren Gässchen sogar das richtige Geschäft. Der Besitzer erinnerte sich an Hänschen und hatte den Geldbeutel zwei Tage lang sicher verwahrt und nicht angerührt. Hänschen fiel ein Stein vom Herzen! Er verabschiedete sich herzlich und machte sich glücklich auf den Heimweg.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann youtubed er noch heute.

 

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