70 Stunden: Eine authentische Arbeitswoche

Nun hat es mich erwischt. Mit meinem europäischen Arbeitsvertrag bin ich für koreanische Verhältnisse ein Waschlappen, doch in einer Woche durfte ich für ein Mal halbwegs authentisch arbeiten. Eine Geschichte von Arbeit, Recht und Institutsfesten.

Meine authentische Arbeitswoche

Montag

Es geht relativ ruhig los. Im Mai und Juni unterrichte ich zwar oft sechs Tage pro Woche, aber meistens nur einen Kurs pro Tag. Werktags abends und samstags vormittags. Als Leiter eines Miniteams innerhalb des Teams zur Vorbereitung eines Institutsfests zieht es mich aber bereits zur Mittagszeit ans Institut. Dort trifft sich erstmals die komplette Runde „Speak Dating“. Speak Dating soll am Institutsfest eine von vielen Aktivitäten zum Infotainment der Besucherinnen und Besucher sein. Durch die Teilnahme werden diejenigen ohne Kenntnisse der deutschen Sprache (hoffentlich) ermächtigt, eine kleine Unterhaltung auf Deutsch zu führen. Das sehr nette und produktive Meeting geht nach rund zwei Stunden zu Ende. Den Rest des Nachmittags verbringe ich mit Protokollieren, Informationsweitergabe und Weiterentwicklung eines Spaß-Tests für das Institutsfest. Am Abend unterrichte ich. Gesamtarbeitszeit: rund zehn Stunden

Dienstag und Mittwoch

Das sind die ruhigsten Tage der Woche. Außer meinen Abendkursen muss ich nicht viel erledigen. Am Dienstag widme ich mich für ein paar Stunden einer Online-Weiterbildung und am Mittwoch habe ich Gott sei Dank Zeit, ein paar liebe Verwandte durch die Stadt zu führen. Gesamtarbeitszeit: rund fünfzehn Stunden

Donnerstag und Freitag

Der Gipfel: Eine intensive Weiterbildung zum Thema Lernberatung und Testgestaltung nimmt den Großteil dieser Tage ein. Zweimal läuft sie von neun Uhr früh bis halb sechs Uhr nachmittags. Zwischendurch flitze ich durch die Gegend und erledige noch ein paar Kleinigkeiten für das Institutsfest. Eine „Generalversammlung“ dazu kann ich aber mit Erlaubnis der Chefin schwänzen. Dann geht es an die Unterrichtvorbereitung und von sieben bis zehn Uhr abends stehe ich wieder in der Klasse. Die Gesamtarbeitszeit liegt bei insgesamt sechsundzwanzig Stunden.

Samstag

Nach zwei harten Tagen und einer Nacht mit schlechtem Schlaf trete ich gegen halb neun Uhr früh wieder zur Arbeit an. Am Vormittag unterrichte ich einen Intensivkurs. Bereits während des Kurses merke ich, dass meine Energie ernsthaft zur Neige geht und schlurfe gegen halb ein Uhr nachmittags ziemlich ermattet ins Wochenende. Aufgrund des herrlichen Wetters zwinge ich mich noch zu einem Spaziergang auf den benachbarten Namsan-Berg und ein kleines Workout im Open-Air-Gym :-). Zeit für Sport war in dieser Woche leider keine. Beim Seoul Tower angekommen genehmige ich mir eine Portion Fried Chicken, was mich dann aber noch weiter ermüdet. Mit Restenergie mache ich mich auf zu meinem Koreanischkurs, merke aber im Bus, dass ich das falsche Lehrbuch mitgenommen habe. Da ich sowieso wenig aufnahmefähig war und ich nicht alles separat aufschreiben wollte, lasse ich den Kurs sein und fahre nach Hause. Shame on me. Es ist der erste Kurstermin, den ich nicht wahrnehme. Der zweite folgt leider bereits nächsten Samstag, denn da ist das Institutsfest. Arbeitszeit: 4 Stunden.

Wochenarbeitszeit inklusive aller „Zwangspausen“: 70 Stunden, davon etwa 20 Stunden Weiterbildung und 15 Stunden reine Unterrichtszeit, wobei diese als 30 Arbeitsstunden gewertet werden.

Was habe ich gelernt? Ich arbeite gern! Wer hätt’s gedacht :-). Das Institutsfest war ein voller Erfolgt – aber dazu später mehr. For now something different:

Einige arbeitsrechtliche Dinge

Die gesetzliche Höchstarbeitszeit liegt bei 40+12+16 Stunden pro Woche. Das bedeutet 40 Stunden Regelarbeitszeit von Montag bis Freitag plus maximal zwölf Extrastunden unter der Woche und maximal sechzehn Stunden am Wochenende. Die normale Kündigungsfrist beträgt 30 Tage. So wie in Österreich ist all das im Zeitalter der Freelancer und All-In-Verträge ohnehin nur graue Theorie. Es gibt übrigens kein Äquivalent zum österreichischen „Freien Dienstvertrag“. Man ist in Korea entweder angestellt oder arbeitet auf Basis von Werkverträgen.

Mehr als einen freien Tag pro Woche zu haben, ist definitiv Luxus. Nach meiner Beobachtung halten große Konzerne, Behörden und Banken das Wochenende ein. Meine Schüler sagen immer wieder, dass Regierungsbeamter der gemütlichste Beruf in Korea ist.

Nicht in die Arbeitszeit inkludiert sind die regelmäßigen Besäufnisse mit den Kollegen. Das Magazin „Brand eins“ hat 2015 einen hervorragenden Artikel dazu veröffentlich. Die koreanische Regierung hat Initiativen gestartet, dass man bitte nur bis 21 Uhr abends ausgehen sollte. Damit will man die ganz großen Exzesse vermeiden.

Die Frage nach der Produktivität

Südkorea taucht immer wieder in Statistiken auf als Land mit sehr langen Arbeitszeiten, aber auch sehr geringer Produktivität. Mitarbeiter sollen traditionell vor dem Chef im Büro erscheinen und dieses erst verlassen, nachdem auch der Chef wieder weg ist. Selbstständig nach Beschäftigung suchen ist tendenziell nicht üblich, stattdessen wartet man, bis der Chef seine Befehle gibt. Wenn es solche nicht gibt, sitzt man herum. Stundenlang. Und so schafft man es in beide Statistiken. 10 Anwesenheitsstunden im Büro könnte man vielleicht in fünf reine Arbeitsstunden umwandeln, aber der Faktor Planung hat leider keine Priorität. Der ZDF hat ein interessantes Videoportrait über fünf Deutsche in Südkorea gemacht, in dem unterschiedliche Erfahrungen (bspw. permanente 16-Stunden-Arbeitstage) dokumentiert sind (hier nachzusehen).

Steuern & Soziales

Bei einem Anstellungsverhältnis werden gut 10 % an Steuern und Sozialversicherung automatisch abgezogen. Das inkludiert Kranken-, Arbeitslosen- und Pensionsversicherung. Freiberufler müssen ihre Versicherungsangelegenheiten selbst regeln.

Die Krankenversicherung ist äußerst komplex. Ich habe bereits einige Kolleginnen und Kollegen gefragt, welcher Kostenanteil übernommen wird, doch nicht einmal die wissen es genau. Offenbar hängt das von Krankheit und Behandlungsform ab. Es kann manchmal sein, dass nur 50 % der Kosten übernommen werden. Was ich sicher weiß, ist, dass Mundhygiene beim Zahnarzt komplett übernommen wird (kostet etwa 40 Euro). Mehr kann ich aktuell noch nicht sagen.

Die Arbeitslosenversicherung ist nach den in Österreich üblichen Maßstäben eher minimal: 90 % des Mindestlohns – das sind seit 2017 rund 5,80 Euro pro Stunde. Auf 40 Wochenstunden aufgerechnet wären das um die 1.000 Euro pro Monat. Und das ist ein Einheitstarif. Gewährt bekommt man Arbeitslosengeld für 90 Tage (unter 30 Jahre alt) bis 240 Tage (über 50 Jahre alt).

Man bekommt kein Arbeitslosengeld nach Selbstkündigung oder berechtigter Entlassung. Für Ausländer ist es auch nur eine theoretische Sache, denn nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses muss man innerhalb von 30 Tagen das Land verlassen.

Stellt sich die Frage wer dann noch übrig bleibt …

Raucherschutz … äh, Nichtraucherschutz

Entschuldigung ich war kurz im Österreichischen Diskurs. Lieber Hahzeh: In Südkorea herrscht absolutes Rauchverbot

  • in öffentlichen Gebäuden (no na),
  • in sämtlichen Lokalen (oh ha),
  • an Busstationen und vor Schulen (oh oh),
  • auf/an Straßen (ui ui).

Das heißt, wenn ein Raucher in einem Lokal sitzt, dann muss er (eigentlich immer Männer) aus dem Lokal auf die Straße gehen und die Straße entlang bis zu einer Einfahrt/Seitengasse. Zum Glück für die Raucher liegen die meisten Lokale schon in Seitengassen. Dann muss man nur vor die Tür gehen.

Quellen: Brand eins, Korea4Expats, Korea Times

Ein gutes Ende: Eindrücke vom Institutsfest

Die Mühe hat sich gelohnt. Es dürften rund 700 Gäste gekommen sein, wobei sich „Gast“ nur auf diejenigen Leute bezieht, die sich einen Stempelpass (für jede absolvierte Aktivität am Fest bekam man einen Stempel) besorgt haben. Alle, die nur für Vollkornbrot und Bier kamen, sind nicht inkludiert. Was waren die Highlights?

  • Eine Virtual Reality Ecke nach Franz Kafkas „Die Verwandlung“
  • Ein stimmungsvoller Themenraum zu Goethes „Faust“
  • Ein 3D-Drucker
  • Die Torwand 🙂
  • Der Karaoke-Raum („Griiiiiechischer Weeeeiiinn, ist wie das Blut der Erde …“)
  • Maisel’s Weisse vom Fass

Kurz zusammengefasst: gut war’s. Ich war hauptsächlich am arbeiten, aber ein paar Schnappschüsse sind mir gelungen. Seht selbst:

Beste Grüße aus Seoul!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s