Das Nordkorea-Tagebuch, Teil 2 (plus: Asyl in Südkorea)

in Teil 2 meines Nordkorea-Tagebuchs beschäftige ich mich mit der aktuellen Situation nordkoreanischer Flüchtlinge/Dissidenten in Südkorea. Und danach mit dem südkoreanischen Asylwesen an sich.

Nordkoreaner in Südkorea

Der britische Guardian schreibt über einen Flüchtling: „Pak Sool ging mit 19 Jahren zum ersten Mal die Treppen einer U-Bahn-Station in Seoul hinab, nur um dann mit einem Netzplan konfrontiert zu werden, der wie ein Teller Spaghetti aussah. Die Überforderung ließ ihn rasch aufgeben.“ Andere Dinge, die Pak während seiner Flucht bzw. nach seiner Ankunft in Südkorea erstmals entdeckte, waren Kreditkarten und das Internet.

Laut dem Norwegian Refugee Council, sind seit 1953 insgesamt 31.339 Menschen vom Norden in den Süden geflüchtet. 2017 waren es 1.127, das ist die niedrigste Zahl der Ära Kim Jong-Un (seit 2011).

Wie macht das der Süden?

Von staatlicher Seite gibt es Geld und „Umschulung“: jeder Flüchtling bekommt einmalig 10 Millionen Won (rund 8.000 Euro). Jene im Rentenalter bekommen eine staatliche Minimalpension von 450.000 Won pro Monat (knapp 400 Euro). Die Hintergründe und Biographien der Neuankömmlinge werden von den Behörden gründlich durchleuchtet und wer nicht als potenzieller Spion auffällt, kommt seit 1999 in spezielle Unterkünfte wie das „Hanawon“ bei Seoul. Hanawon heißt auf Deutsch „Haus der Einheit“. Dort durchlaufen die Teilnehmer (Gäste? Insaßen?) ein dreimonatiges Training, von insgesamt 392 Stunden. 121 Stunden davon sind für politische und historische Bildung reserviert, der Rest für Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt. Die Männer lernen einige Grundkniffe der Gastrobranche und die Bedienung verschiedener Maschinen. Frauen lernen Büro- und Haushaltsaufgaben. Die „Gäste“ besuchen in Begleitung ihre ersten Einkaufszentren, Bankomaten und andere ungewohnte Orte des Alltags.

Sie lernen die südkoreanische Version koreanischer Geschichte und über Menschenrechte und Demokratie. Ebenso lernen sie das lateinische Alphabet und ein paar Besonderheit der südkoreanischen Sprache. Durch die lange Trennung der beiden Länder und die vielen Anglizismen in der Alltagssprache des Südens (Dating, Meeting, Shopping, Ice Cream, Burger usw.) gibt es mittlerweile Unterschiede zwischen Nord- und Südkoreanisch.

Hanwon ist ein abgeschlossener Bereich, weil einerseits manche Südkoreaner skeptisch gegenüber Nordkoreanern sind, aber auch weil in der Vergangenheit immer wieder nordkoreanische Flüchtlinge „zurück entführt“ wurden. Nach der staatlichen Versorgung erfolgt die weitere Betreuung hauptsächliche durch zivile NGOs. In Seoul gibt es noch die Yeonmyung-Schule, wo rund einhundert Nordkoreaner unterrichtet und langsam an das Leben im Süden gewöhnt werden. Verschiedene christliche Gruppierungen sind die Hauptfinanciers dieses Projekts, auch die Lehrer sind ausschließlich Christen. Der Lehrplan ist es (offiziell) nicht.

Die Schattenseiten

Sowohl die New York Times, als auch Korea Times schreiben von Einzelschicksalen, in denen es von Diskriminierung, Betrügereien und Selbstmorden nur so wimmelt. Nordkoreaner erwartet kein leichtes Leben in Südkorea: offene Anfeindungen, soziale Isolation, falsche Freunde und weniger Lohn für die gleiche Arbeit sind eigentlich die Regel. Dazu kommt oft noch ein drastischer Bildungsrückstand, der die Perspektiven schwinden lässt.

Es soll nicht vergessen werden, dass es auch Erfolgsgeschichten gibt. Nur eine Person hat es in die Medien (New York Times) geschafft, weil er nach einigen Jahren im Süden wieder zurück nach Nordkorea wollte. Das spricht für sich.

Resümee

65 Jahre sind Nord- und Südkorea getrennt. Im Fall einer Wiedervereinigung würde es wohl Jahrzehnte dauern, bis auch nur die gröbsten Unterschiede verschwunden wären. Im Süden herrscht Aufbruchstimmung – Trump, Moon und Kim sei Dank. Seoul ist aktuell verrückt nach der nordkoreanischen Spezialität Nengmyeon, eine geeiste Nudelsuppe (zurecht, im Übrigen, die schmeckt richtig gut). Vereinzelt ertönen Rufe, man möge das – offenbar sehr gute – nordkoreanische Staatsbier doch bitte auch im Süden verkaufen.

Vielleicht geht die Liebe durch den Magen, aber wie lange muss man sie verdauen? Ist Deutschland eigentlich schon so richtig wiedervereinigt? Gesellschaftlich, nicht politisch. Vielleicht dauert es in Korea noch länger. 65 Jahre Trennung gefolgt von 65 Jahren Wiedervereinigung? Das klingt sehr lange, aber realistisch und ist vor allem kein Grund, nicht heute damit anzufangen. „Waunn du wirkli wirklich wüüst, bleibst imma juuuung.“

Die Situation nicht-koreanischer Flüchtlinge

Zunächst ein paar rohe Daten aus dem Jahr 2016:  nach der Webseite Worlddata haben im betreffenden Jahr 7.495 Personen in Korea Asyl beantragt. Positiv beschieden wurden insgesamt 27 Verfahren (!), gegenüber 5.499 negativ beschiedenen Verfahren (der Rest war bis Jahresende nicht entschieden). Das entspricht einem Prozentsatz von nur 0,5 % positiv beschiedener Verfahren. Die wenigen erfolgreichen Asylwerber kamen aus Äthiopien, Bangladesh und Pakistan. Die zehn häufigsten Herkunftsländer der Antragssteller waren im Jahr 2016 die folgenden:

  1. VR China (1.062 Anträge)
  2. Ägypten (1.002)
  3. Pakistan (809)
  4. Kasachstan (539)
  5. Bangladesh (335)
  6. Nigeria (324)
  7. Russland (324)
  8. Vietnam (275)
  9. Philippinen (260)
  10. Indien (218)

Anmerkung: Nordkoreaner werden nicht offiziell als Flüchtlinge erfasst (eher als Heimkehrer).

Ich kann leider nicht sagen, wie viele dieser Anträge noch im selben Jahr bearbeitet wurden. Der genannten Webseite lässt sich nur entnehmen, dass 2016 insgesamt 714 Verfahren chinesischer Staatsangehöriger negativ beschieden wurden. Bei Ägyptern waren es 1.029 negative Bescheide – mehr, als die Zahl der neuen Anträge.

Beachtenswert ist auch, dass die Migration nach Korea im Zeitraum 2010 – 2014 bereits signifkant angestiegen ist. Die Zahl der jährlichen Asylanträge wuchs von 423 auf 2.896 mit einer durchschnittlichen Genehmigungsrate von 3,8 Prozent (UNO-Durchschnitt 38 %). Die großen Flüchtlingsbewegungen aus dem Mittleren Osten erreichen ab 2015 auch Südkorea. Damals verzeichnete das Land bis September 740 Anträge von Syrern, davon waren bis Oktober drei genehmigt. Aktuellere Zahlen konnte ich keine finden.

Die New York Times bestätigt in einem Artikel aus 2016 die drei genehmigten Asylanträge für Syrer und führt weiter aus, dass sich zum Erscheinungstag 670 Syrer mit temporären humanitären Visa in Südkorea aufhalten (dürfen). Es gibt jedoch keine Quellenangabe.

Die Gesamtzahl der „Legal Aliens“ stieg zwischen 2010 und 2015 von rund 900.000 auf über 1,3 Millionen. Seitdem ist es zumindest einer mehr geworden ;-).

Die andere Richtung

2016 haben 132 Südkoreaner Asyl in Drittstaaten beantragt. Warum? Ich weiß es ich. Wohin flüchten Südkoreaner?

  1. Australien (52 Anträge)
  2. USA (27)
  3. Kanada (20)
  4. Deutschland (12)
  5. Großbritannien (9)
  6. Brasilien (7)
  7. Schweden (5)

Den vorliegenen Zahlen zufolge, wurden einzig in Kanada zehn Anträge positiv beschieden. Australien lehnte gleich 41 Anträge noch im selben Jahr ab.

Der Refugee Act 2013

Südkorea wurde 2013 das erste asiatische Land mit einem nationalen Flüchtlingsgesetz. Davor galten nur die UNO-Richtlinien. Eine sehr interessante Gesetzesänderung in diesem Zusammenhang betraf die Orte und Stellen wo Flüchtlinge Asyl beantragen können. Bis dahin war das nur bei den regionalen Immigrationsbehörden möglich. Das führte zu dem Paradox, dass ein Flüchtling theoretisch die Einreisekontrolle am Flughafen (oder sonstwo) erfolgreich durchlaufen musste, bevor er/sie im Immigration Office einen Asylantrag stellen durfte. Erwartungsgemäß wurde den meisten potenziellen Flüchtlingen bereits die Einreise – und damit die Möglichkeit überhaupt einen Antrag zu stellen – verweigert.

Die Grundprozesse sind in Österreich und Südkorea identisch: Flüchtende müssen einen Antrag stellen, worauf eine Entscheidung in erster Instanz folgt. Auf diese Entscheidung kann einmalig Einspruch erhoben werden. Auch einige Problemzonen sind ähnlich:

  • Personalmangel in den zuständigen Stellen
  • Mangel an qualifizierten Dolmetschern
  • Anrainerproteste bei Eröffnung von Wohnheimen für Asylanten und Asylwerber
  • die Diskussion um Arbeitsbewilligungen und Sozialleistungen

Die Unterschiede liegen im Detail

In Österreich ist das Innenministerium zuständig, in Korea das Justizministerium. Wenn Einspruch gegen einen in erster Instanz negativen Asylbescheid eingelegt wird, wechselt in Österreich die Zuständigkeit zum Bundesverwaltungsgericht. Dort wird eine endgültige Entscheidung getroffen. In Südkorea wechselt die Zuständigkeit nur pro forma. Ein „Flüchlingskommittee“ trifft in zweiter Instanz eine Entscheidung, diese ist allerdings für den Justizminister nicht bindend. Anders als in Österreich (sechs Monate) gibt es keine Zeitbegrenzung für die Erstentscheidung. Da das Flüchlingskommittee mit nur 22 Mitarbeitern, davon 15 Entscheidungsbevollmächtigte, bestückt ist (Österreichisches BVwG: 220 Richter), müssen Antragsteller wohl lange auf die zweite Instanz warten.

Während Asylwerber in Österreich Krankenversicherung, Unterkunft und minimale finanzielle Unterstützung bekommen (je nach Bundesland 40 Euro monatliches Taschengeld, 6 Euro täglich für Verpflegung plus einige Sachleistung), existiert in Korea kein derartiges Sicherheitsnetz. Die Rechtslage, laut der offiziellen englischsprachigen Regierungsseite:

Hilfe bei Lebenskosten: Asylwerber müssen dafür einen gesonderten Antrag ausfüllen und einbringen.

Unterkunft: Das Justizministerium behält sich die Schaffung von Sammelunterkünften vor. Wie lange sie sich dort aufhalten dürfen, entscheidet der Justizminister.

Medizinische Betreuung: Falls ein Asylwerber medizinische Hilfe benötigt, kann diese – nach Antrag – für maximal sechs Monate genehmigt werden. Die gesamte Entscheidungsbefugnis liegt wiederum beim zuständigen Minister. „Der Justizminister stellt vorbehaltlich der budgetären Möglichkeiten medizinische Betreuung zur Verfügung.“

Schulbildung: Ein Asylwerber und seine Angehörigen haben ein Recht auf Aufnahme ins koreanische Schulwesen.

Die Konsequenz daraus ist, dass ein Großteil der Flüchtlingsbetreuung durch NGOs erfolgt. Insbesondere ist das bei Personen der Fall, denen kein Asyl, aber ein befristetes humanitäres Bleiberecht gewährt wurde. Das betrifft aktuell vor allem Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten. Diese Menschen haben in Südkorea eigentlich keine Rechte, sie können allerdings eine Arbeitserlaubnis beantragen. Den Aufenthaltsstatus müssen sie jährlich erneuern. Automatische Sozialleistungen wie in Deutschland (Hartz 4) oder Österreich (Mindestsicherung), gibt es in Korea nicht.

Arbeiten oder nicht arbeiten?

Asylwerber dürfen frühestens nach sechs Monaten eine Arbeitsbewilligung beantragen. Der Genehmigungsprozess ist allerdings aufwändig. Der Korea Herald berichtet beispielsweise von einem 32jährigen Bengalen, der fünf Mal persönlichen ins Immigration Office kommen musste, bevor die Arbeitserlaubnis ausgestellt wurde (der betreffende Herr konnte Koreanisch). Jede illegale Beschäftigung ist ein Abschiebegrund.

Meine Quellen:

Österreichisches Bundesverwaltungsgericht

The Guardian Artikel

HiKorea – A Government for Foreigners

Korea Herald

Korea Times Artikel

New York Times Artikel – Syria

New York Times Artikel – North Korea

Norwegian Refugee Council

University of Michigan

Wikipedia

World Data – Südkorea

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