Das Nordkorea-Tagebuch, Teil 3

Wir schreiben T minus ein Tag. Noch niemand hat den Nordkorea-Gipfel in Singapur wieder abgesagt. Sagt bloß wir erfahren morgen wirklich, wer den größeren roten … Knopf hat?

Medienschau

In Südkorea

Keine Neuigkeiten gibt es seit Freitag von jenem Journalisten, der in Singapur möglicherweise von nordkoreanischen Agenten festgenommen wurde. Der Korea Herald berichtet, dass seit Donnerstag, 16:13 Uhr lokaler Zeit jede Spur von ihm fehlt. Am Samstag legte die Korea Times mit zwei Fällen nach, wo südkoreanische Journalisten von der lokalen Polizei festgenommen wurden – wegen unerlaubten Betretens der Nordkoreanischen Botschaft.

Die Korea Times berichtet an anderer Stelle, dass Japans Präsident Shinzo Abe nach einem Treffen mit Donald Trump nun bereit ist, mit Nordkoreas Führung Gespräche aufzunehmen. Damit bauen mit den USA, China, Russland, Südkorea und Japan mittlerweile fünf Länder mächtig Druck auf Nordkorea auf (am Samstag kamen laut NZZ noch die weiteren G7-Staaten dazu).

Die KT berichtet weiter von spannenden Entwicklungen in der Demilitarisierten Zone (DMZ) zwischen Nord- und Südkorea. Dort wittern Grundstücksspekulanten potenzielle Profite und lassen mit umfangreichen Investitionen aktuell die Grundstückspreise in die Höhe schnellen. Die Nachfrage habe sich teils verdoppelt, die Preise seien teilweise um 27 % angestiegen. Als Reaktion darauf dürfen Veräußerungen nur noch mit Regierungsgenehmigung erfolgen.

Am Sonntag ist die gesamte Startseite des Korea Herald mit Berichten aus und über Singapur zugekleistert. Die koreanische Journaille ist definitiv in Ekstase. Die Korea Times steht da natürlich um nichts nach und bietet rund ein Dutzend einschlägiger Artikel feil. Interessant ist immer noch der „Food Fight“ um Nordkorea. Nachdem sich nordkoreanische Spezialitäten aktuell großer Beliebtheit in Südkorea erfreuen (siehe auch Teil 1 und Teil 2 dieses Tagebuchs) und Cafes die Konterfeis der zwei Gipfel-Protagonisten in Kaffeeschaum „verewigen“ (Träume sind Schäume?), kommen nun der Kim-Trump-Burger und – mein persönlicher Favorit – der Rocket Man Taco. Der Burger besteht übrigens aus Hühnerfilet, Kimchi und Kim – aber nicht Jong-Un, sondern den Kim zum Essen, das heißt den allgegenwärtigen getrockneten Seetang.

In den USA

Am Freitag (08.06.) überraschte eine Bemerkung Donald Trumps, wonach er Kim Jong-Un, vorbehaltlich eines erfolgreichen Treffens in Singapur, in Weiße Haus einladen würde. Aus meiner Perspektive war das ein rhetorischer Geniestreich, denn ich kann mir vorstellen wie sehr sich der nordkoreanische Propagandaapparat um Fotos von Kim Jong-Un vor dem und im Weißen Haus reißen würde. Folgen würden dann noch Besuche in Moskau (Putin hat bereits eingeladen) und höchstwahrscheinlich Peking und Seoul. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Herrn Kim so ein Vortrag haltendes, Champagner schlürfendes Dasein gefällt. Die Frage ist eher, ob konservativere Kräfte in den USA (die ihn eher von der CIA exekutiert haben wollen) und sonstwo einen herumtänzelnden kommunistischen Tyrannen ertragen. Es bleibt auch abzuwarten, ob Kim eher zum nächsten Michail Gorbatschow oder nächsten Jack Unterweger wird.

Ein Breitbart-Artikel vom selben Tag gibt Einblicke in die Gedankenwelt der US-Demokraten. Ihre Kongressabgeordneten verfassten einen Brief an den US-Präsidenten in dem sie seine Nordkorea-Politik kritisierten und eine Aufrechterhaltung aller Sanktionen forderten. Die wichtigste von insgesamt fünf Forderungen der Demokraten an Trump ist Nordkoreas völliger Verzicht auf chemische und biologische Waffen. Warum hat das Obama eigentlich nicht vom Iran gefordert?

Breitbart sorgte noch für einen kleinen Lacher. Das Portal zitiert einen Bericht der südkoreanischen Zeitung „Chosun Ilbo“, wonach Kim Jong-Un nicht mit seinem Privatjet nach Singapur reisen kann. Einige Techniker seien besorgt, dass Kims alternde Ilyushin 62 (Wikipedia) den langen Flug nicht mehr schafft. Bloß: woher ein Flugzeug nehmen, wenn nicht stehlen? Die Antwort lieferte einen Tag später die Neue Zürcher Zeitung: Es wurde eine Maschine der Air China.

Schlechte Nachrichten gibt es leider für Kims Kumpel Dennis Rodman. Der wurde von Präsident Trump äußerst charmant aber bestimmt ausgeladen. Später gab Rodman aber bekannt, als Privatperson trotzdem anreisen zu wollen. [Persönliche Anmerkung: Dass diese Neuigkeit dem Österreichischen Rundfunk (ORF) in seiner (spärlichen) Nordkorea-Berichterstattung eine eigene Schlagzeile wert war, ist eine Bankrotterklärung.] Zurück zum Thema: Bei all dieser neu entdeckten sprachlichen Klasse Donald Trumps frage ich mich, wer mittlerweile seine Reden schreibt. Es kann nicht dieselbe Person sein, die seine Tweets verfasst.

Am Sonntag schien die Medienmaschine nach der Ankunft Kim Jong-Uns in Singapur so richtig anzulaufen. Unmittelbar vor dem Treffen werden die Nordkorea-Artikel häufiger und ausführlicher. Die New York Times beschäftigt sich mit der Frage, wie denn eine „Denuklearisierung“ genau aussehen kann. Das Blatt geht davon aus, dass sowohl Kim, als auch Trump einer solchen zustimmen würden, es in Detailfragen aber deutliche Abweichungen geben dürfte. Während die USA historisch „nur“ nach einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel strebten, fordert Trump zusätzlich Einschränkungen aller anderen Massenvernichtungswaffen. Kim Jong-Uns Absichten liegen völlig im Dunkeln, aber dass er bezüglich Denuklearisierung andere Ansichten haben dürfte, erscheint ziemlich logisch.

Breitbart beschäftigte sich sehr ausführlich mit Kims möglichen Zielen. In einem Artikel vom Samstag meint der Autor, dass Kim aufgrund des Drucks von „innen“ gezwungen sei, einen Modernisierungskurs einzuschlagen. Der erste Schritt dazu sei eine Lockerung der harten Sanktionen und der wichtigste Geprächspartner hierzu nunmal der US-Präsident. Der Artikel wirft auch die Frage auf, wie viele Bodyguards und Limousinen Herr Kim zum Selbstschutz nach Singapur mitnimmt. Das wird sich wohl erst morgen beantworten lassen, aber die Aufnahmen vom Treffen mit Südkoreas Präsident Moon lassen zumindest einige Panzerlimousinen und ein Dutzend Bodyguards erwarten.

DÖCHL

Die Neue Zürcher Zeitung führt die Nordkorea-Berichterstattung qualitativ immer noch an und liefert am Sonntag eine grandiose Zusammenfassung der Ereignisse seit letzten Herbst. In einem weiteren brillant recherchierten Artikel erörtert Patrick Welter die Chancen auf einen Friedensvertrag zwischen Nord- und Südkorea. Als positives Zeichen interpretiert er die Abwesenheit Chinas beim ersten Treffen zwischen Kim und Moon in Panmunjom und beim morgigen Gipfeltreffen in Singapur. Seiner Meinung nach wäre China ansonsten bestrebt, seinen Einfluss auf der koreanischen Halbinsel zu maximieren. Er führt weiter aus, wie komplex die Schaffung eines dauerhaften Friedens rechtlich wäre. Ein Friedensvertrag zwischen Nord- und Südkorea scheint zwar das Entscheidende zu sein, allerdings müssten noch ein weiterer zwischen Nordkorea und den USA und ein dritter zwischen Südkorea und China folgen. Und das ist nur die Spitze des rechtlichen Eisbergs. Die Essenz des Artikels: Es ist alles sehr kompliziert. Ein Grund mehr, sich in Realismus und Geduld zu üben. Seien wir froh, dass man zumindest mal unter vier Augen miteinander redet. Das ist eigentlich schon Sensation genug.

Die österreichische Kronenzeitung steigt am Sonntag mit einem recht ausführlichen Artikel samt Zitaten eines Nordkorea-Experten in den Medienring. Dass die Meinungen des Experten exakt jenen der NZZ und Breitbart gleichen lässt mich allerdings etwas ratlos zurück. Gibt es denn einen Nordkorea-Experten-Ratgeber? Ansonsten herrscht in Österreich vergleichsweise Funkstille. Kein Wunder, hat man doch im Taumel zwischen French Open Finale, Brasilien-Länderspiel, G-7 Gipfel, Sebastian Kurz‘ Besuch in Israel, und dem üblichen Wahnsinn aus Ankara genug zu Tippen.

Große Dinge geschehen in der Welt und so schließt auch dieser Tagebucheintrag mit einem Song über Große Dinge … von denen kleine Buben träumen. Meine Version des Georg Danzer-Klassikers:

 

Beste Grüße aus Seoul. Kommentare, Beschwerden, Anregungen? In die Kommentare damit!

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