Das Nordkorea-Tagebuch, Teil 4: Guat is gangen, nix is g’schehn

Trump und Kim haben eine Absichtserklärung für weitere Gespräche zur potenziellen Ausverhandlung eines noch näher zu definierenden Denuklearisierungsprozesses unterschrieben. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Schritt für Korea.

Das Dokument

Kim und Trump haben ein eher unverbindliches Dokument unterzeichnet, in dem unter anderem folgende Punkte stehen:

  • Donald Trump gibt Nordkorea Sicherheitsgarantien.
  • Kim Jong-Un bestätigt seine unverändliche Absicht der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel.
  • Die Überreste der US-Gefallenen des Koreakriegs sollen nach Amerika gebracht werden.

Den kompletten Text (englisches Original) gibt es unter anderem hier.

Einige Foto- und Videoeindrücke gibt es von der Korea Times: Link. Unter anderem kann man einmal Donald Trumps Unterschrift aus der Nähe sehen. Ein psychologisches Fass ohne Boden:

Korea Times: US President Donald Trump holds up a document signed by him and North Korea’s leader Kim Jong Un following a signing ceremony during their historic US-North Korea summit, at the Capella Hotel on Sentosa island in Singapore on June 12, 2018. AFP

Die New York Times liefert mit einer sehr trockenen Analyse der Gipfel-Ergebnisse das Highlight ihrer bisherigen Berichterstattung ab. In Alltagssprache kurz zusammengefasst zieht das Blatt folgende zehn Schlüsse:

  1. Reden ist besser als Kriegführen.
  2. Die unterschriebene Erklärung setzt niemanden unter Druck.
  3. Die USA machen keine Militärübungen mehr mit Südkorea.
  4. Punkt 3 dürfte nicht mit Südkorea abgesprochen worden sein.
  5. Niemand hat das Gesicht verloren.
  6. Die Zugeständnisse an Nordkorea sind für die USA Peanuts, aber man hätte mehr Gegenleistungen aushandeln können.
  7. Nordkoreas Menschenrechtsverletzungen kamen nicht zur Sprache.
  8. Es wurde nichts Konkretes ausverhandelt.
  9. Der US-Regierung kann man nach Iran-Deal- und G7-Chaos nicht mehr völlig vertrauen.
  10. Reden ist besser als Kriegführen (nochmals wiederholt zur Betonung).

Es scheint internationaler Konsens zu sein, dass Kim von diesem Treffen deutlich mehr profitiert, als alle anderen. Er wurde als ernstzunehmender Gesprächspartner etabliert.

Medienschau

In Südkorea

Der Korea Herald berichtet, dass nun auch Präsident Trump offiziell nach Pyongyang eingeladen wurde. Demzufolge steht ordentlichen Staatsbesuchen nichts mehr im Wege und wären wohl der nächste logische Schritt auf der Agenda. Trump mahnte Herrn Kim vor dem Rückflug in die USA nochmal in seiner unvergleichlichen Art, dass die USA sehr wohl ein Auge auf Nordkoreas Denuklearisierungsbemühungen haben werden: „We’re going to have to check it and we will check it. We’ll check it very strongly.“ Zu Deutsch: „Wir werden das überprüfen müssen und werden das überprüfen. Wir werden es sehr intensiv überprüfen.“

Die Koreanische Handelskammer verfiel ob des Gipfelergebnisses in klinische Entzückung. Man arbeitet bereits an Plänen für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Norden. Die Hyundai Group, die bereits im Norden investiert, freut sich laut einer offiziellen Stellungnahme auf eine gute wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Lotte Group, die den koreanischen (und japanischen) Alltag von Luxushotels bis Schokoriegel dominiert, hat die Gründung einer Task Force zur Sondierung von Investitionsmöglichkeit in Nordkorea bekannt gegeben. Desweiteren hat sie der südkoreanischen Regierung Hilfe bei der Gestaltung der interkoreanischen Wirtschaftspolitik angeboten. Letzteres klingt für mich eher nach einem Lobbyingoverkill und damit einer gefährlichen Drohung.

Auf kleinerer Ebene gibt es Neuigkeiten aus der akademischen Welt. Die Seoul National University hat vom südkoreanischen Wiedervereinigungsministerium (ja, das gibt es wirklich!) die Erlaubnis erhalten, mit der nordkoreanischen Kim Il Sung Universität Gespräche aufzunehmen. Dabei soll es um ein mögliches Studentenaustauschprogramm gehen.

Verglichen mit dem Korea Herald ist die Berichterstattung der Korea Times etwas reservierter. Man hat einige spontane Straßeninterviews durchgeführt, um die Stimmung in der Bevölkerung auszuloten. Diese schwankt zwischen (mehrheitlich) skeptisch bis verhalten positiv. Einen realistischen Blick in den aktuellen südkoreanischen Alltag bietet dabei die Meinung eines 24jährigen Arbeitssuchenden: „Ehrlichgesagt beschäftigen mich meine eigenen Probleme mehr, als die Entwicklungen im Norden.“

In den USA

Nach dem Gipfeltreffen ist – mit Verspätung – auch die YouTube-Blogger Szene auf das Thema aufmerksam geworden. Steven Crowder fasst die Ereignisse in Singapur knackig zusammen: „Sometimes it takes a crazy son-of-bitch to mix things up.“ Zu Deutsch: „Manchmal braucht’s einen verrückten Hurensohn, um mal was weiterzubringen.“

Andrew Klavan von „Daily Wire“ gräbt eine großteils ignorierte Aussage aus Trumps Singapur-Pressekonferenz auf, die seiner Meinung nach den „wahren Trump“ offenbart.

Sie [Nordkorea, Anm.] haben großartige Strände. Man kann sie immer sehen, wenn sie Kanonen Richtung Meer abfeuern. Und ich denke mir dann: ‚Sieh dir diesen schönen Strand an, da wäre eine tolle Lage für ein Haus.‘ Und ich habe ihm [Kim Jong-Un, Anm.] gesagt: ‚Anstatt der Kanonen könntest du die drei besten Hotels der Welt dort haben.‘ Betrachte es einmal aus der Immobilienperspektive: Es gibt Südkorea und es gibt China. Und sie [Nordkorea, Anm.] haben das Land in der Mitte. Wie schlecht kann das sein! Es ist großartig.

Turbokapitalistischer Pazifismus? Wenn’s hilft … Die New York Times springt in einem lesenswerten Kommentar des Editorial Boards auch auf dieses Zitat auf und mutmaßt anschließend über die offene Sympathie Trumps für autoritäre Führerpersönlichkeiten wie Kim, Duterte oder Putin.

Interessant ist noch ein offizielles Video des Weißen Hauses zum Gipfeltreffen, das wie ein Trailer zu einem Hollywood-Blockbuster wirkt.

In DÖCHL

Die NZZ liegt größtenteils auf Linie mit der New York Times, ergänzt aber noch die Stimmung in Japan und China. Die Regierung in Tokyo dürfte einer der schärfsten Kritiker der Gipfel-Ergebnisse sein. Präsident Shinzo Abe dränge auf mehr Konzessionen Nordkoreas zur Aufgabe seiner Atomwaffen. Diesbezüglich ist bisher nichts passiert. China andererseits – bisher in der Korea-Angelegenheit überraschend abwesend – mahnte die Beteiligten bereits vor, dass man in Zukunft mehr mitzureden gedenke. Man sieht: die Welt ist komplizierter, als in Propagandavideos des Weißen Hauses dargestellt (siehe weiter oben).

In Österreich liefern Kurier und Die Presse pflichtbewusst einen Kommentar zu den Entwicklungen, aber ansonsten ist das Interesse der österreichischen Print- und Online-Medien weiterhin verblüffend gering. Darf man nicht einmal halbe Erfolge des linksseits verhassten, politisch inkorrekten US-Präsidenten erwähnen?

In Deutschland sieht die Sache ganz anders aus, dort lächelt Kim Jong-Un von fast allen Online-Portalen. Die Süddeutsche sieht die internationale Rehabilitierung Kims in ihrem Artikel „Ehre für den Skrupellosen“ sehr kritisch, die FAZ und Die Zeit bleiben neutral bis skeptisch, sehen aber auch reale Chancen für die koreanische Halbinsel.

Der Trubel ist also vorbei. Sollten in den nächsten Tagen noch weitere interessante Artikel zu diesem Treffen auftauchen, werden sie an dieser Stelle noch aktualisiert. Ansonsten kehrt Deutsch in Korea nun zu seinem normalen Wochenrhythmus zurück und widmet sich in den nächsten Wochen jeweils samstags der Insel Jeju (letzter Teil des Reiseberichts), koreanischem Essen und Zahnarztbesuchen.

Beste Grüße aus Seoul!

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