Der ultimative Kaffee-/Café-Guide für Korea

Kopi dschusejo – übersetzt „Ich möchte bitte Kaffee“. Wo kann man in Seoul gut Kaffee trinken, wo eher nicht? Vorwarnung: Dieser Artikel enthält möglicherweise antiamerikanische Ressentiments und Wiener Chauvinismus ;-).

Ein US-koreanisches Kaffeelexikon

Koreanische Kaffees und Cafés sind amerikanisch geprägt. Einmal habe ich Schüler gefragt, wie lange Starbucks eigentlich schon in Korea ansässig ist. Sie haben daraufhin kurz durchgeschnauft und sagten „Wahrscheinlich seit der Joseon-Dynastie.“ – die Joseon-Dynastie herrschte zwischen 1392 und 1897. Jetzt ist Starbucks freilich erst im Jahr 1971 gegründet worden, aber es ist doch sehr beeindruckend wie sehr Moby Dicks Steuermann das Stadtbild der Seouler Innenstadt dominiert. Dazu gibt es aber eine Handvoll anderer Kaffeehausketten, die ebenso weit verbreitet sind. Das führt zu einer äußerst hohen Dichte an Kaffeequellen. Allen ist jedoch ihre amerikanische Ausrichtung gleich. Ein kleines amerikanisches Kaffee-Lexikon für Uneingeweihte:

  • Americano: ein stark gerösteter Espresso wird in einem Viertelliter Wasser aufgelöst
  • Cappuccino: das wäre in Italien eher ein Latte Macchiato mit Doppio Espresso, also Kaffee mit viel Milch und Schaum.
  • Café Latte: ein Cappuccino mit mehr Milch und weniger Kaffee
  • Café Mocha: ein Americano mit einem Spritzer Schokoladensauce

Diese vier Varianten sind normalerweise überall zu bekommen. Leider nicht überall zu bekommen ist Espresso. Das führt uns gleich zur ersten Grundregel des Kaffeetrinkens in Seoul: Wenn ein Café keinen Espresso auf der Karte hat, sofort unauffällig die Flucht ergreifen! Falls das nicht möglich sein sollte, dann ist Cappuccino die sicherste Bank.

Drip Coffee

Die zweite Regel lautet: Gibt es „Drip Coffee“, dann ist alles gut.

Drip Coffee heißt Filterkaffee, allerdings darf man sich dabei keine billige Plastikkaffeemaschine vorstellen. Für Drip Coffee wird schon mal mit einer eleganten French Press gearbeitet oder das heiße Wasser sogar in Handarbeit in einen speziellen Filteraufsatz gegossen, von dem es direkt in die darunter stehende Tasse tröpfelt. Das Schlüsselwort bei Drip Coffee ist „Zeit“. Die Zubereitung kann manchmal dauern, und auch das Endprodukt will langsam genossen werden.

Korea Juni 010

Üblicher Weise kann man sich die Bohnensorte aussuchen. In meinem Stammcafé gibt es Kaffeebohnen aus Kenia, Äthiopien, Brasilien, Kolumbien und Costa Rica zur Auswahl. Ich finde es ganz faszinierend mich durch deren verschiedene Nuancen zu kosten. Für zu Hause nehme ich Costa Rica, weil es für den Morgenkaffee am besten passt – sehr kräftig, aber immer noch ausgewogener Geschmack. Brasilianischer Kaffee ist milder aber auch sehr aromatisch, äthiopischer Kaffee ist leicht süß und hat einen sehr markanten, einzigartigen Geschmack.

Größere Ketten (Starbucks, Coffee Smith, …) haben maximal eine Sorte Drip Coffee (bzw. Coffee of the Day), die Qualität kann stark variieren. Coffee Smith ist normalerweise sehr gut.

Ein (Hass-)Kommentar zum Café Americano

Ein ums andere Mal blutet mir das Herz, wenn eine Handvoll Kaffeebohnen, die zuvor viel zu heiß und viel zu lange zur Unkenntlichkeit zerröstet wurden, durch eine sündteure Espressomaschine gejagt werden, um letztlich nur einem Bottich heißem Wasser etwas Geschmack zu geben. Doch bekommt dieses sinnlose Spektakel im richtigen Kontext einen großen Wert. Dann nämlich, wenn der entstandene Espresso nicht in heißem Wasser aufgelöst, sondern über Eiswürfel gegossen wird. Der so entstehende Iced Americano ist deutlich armomatischer (das heißt, er schmeckt nach Kaffee), als die Hot-Variante und durch die große Menge an Eiswürfeln schmilzt auch nicht alles – egal wie langsam man vielleich trinkt. Ein herber Genuss für heiße Sommertage. Der Americano ist somit das Pils unter den Kaffees: erwärmt ungenießbar, gut gekühlt ganz exzellent.

Da es keine Regel ohne Ausnahme geben kann, möchte ich Cafés erwähnen, die sogar einen guten Americano zustande bringen. Solche Lokale sind dermaßen selten, dass ich sie hier gleich weiterverlinken werde. Die Liste wird bei Neuentdeckungen aktualisiert.

  • 카페 아이아이 (Cafe ii)
    Itaewon-dong 211-21
    Neben Kaffee gibt’s auch exzellente Frühstücks- und Brunchangebote.
    Auch auf Instagram
  • Cafe GENTLADY
    Huam-ro 2 (Huam-dong)
    Exzellente hausgemachte Kekse und Madeleines

Kaffeehausketten

A Twosome Place ist meine Nummer eins der koffeinhaltigen Systemgastronomie. Besonders die Eigenkreation „Long Black“ hat es mir angetan. Dabei handelt es sich um eine Variante des Café Americano mit weniger Wasser. Das Resultat ähnelt somit nicht mehr herbem Leitungswasser, sondern dem guten alten Wiener Verlängerten. Liebhaber von scharzem Kaffee finden dort ihre Oase der Hoffnung. Weitere Pluspunkte sind die äußerst guten frischen Fruchtsäfte und Smoothies.

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Twosome-Place ist atmosphärisch dem Kaffeeweltherrscher Starbucks sehr ähnlich. Während sich Starbucks aber eher an italienischen Espressobars orientiert, ist Twosome-Place von Sortiment bis Uniformen frankophil.

Meine neueste Entdeckung ist Coffee@Works. Aufgrund der bescheidenen Erfahrungen gebe ich sie aber (noch) nicht auf die Pole Position. Besonders gefällt mir die Wahlmöglichkeit bei den Kaffeebohnen (mild und stark geröstet) und die bilderbuchartige Menütafel, auf der für jede Kaffeekreation das Kaffee-Milch-Verhältnis aufgezeichnet ist. Die Atmosphäre ist äußerst unaufdringlich und lädt gerade deshalb zum Produktivsein ein (Koreanisch lernen, bloggen, …). Das Kaffeesortiment erinnert zwar extrem an Twosome-Place (auch hier gibt es den Long Black), aber wie zuvor gesagt, ist das alles andere als ein Minuspunkt.

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Starbucks ist auch in Korea die Nummer 1 bei Cafe Latte. Mit dem brandneuen Cold Foam Cold Brew (kalt gebrauter schwarzer Kaffee mit kaltem Milchschaum) hat man optisch und geschmacklich einen weiteren Siegertypen im Angebot. Dazu kommt diese urtypische Starbucks-Atmosphäre aus dunklem Holz, schweren Fauteuils und leichtem Jazz, die der Konzern scheinbar in jedem Land dieser Welt reproduzieren kann. Eine Atmosphäre die mich zwar zum Entspannen, aber nicht zum mobilen Bloggen anregt. Die Bagels und Wraps sind sehr gut und auch die Süßspeisen versinken nicht im cremegefüllten, geschmacklich monotonen koreanischen Einheitsbrei (Top-Tipp für Zuckergoscherl: Starbucks-Brownie).

Ein großer Minuspunkt bei Starbucks in Korea ist die vergleichsweise lange Wartezeit. Obwohl das der Starbucks Philosophie – irgendwann hatten sie den Grundsatz: der Kaffee ist in sieben Minuten fertig oder gratis – widerspricht. Starbucks-Filialen sind im Schnitt auch besser besucht, als andere Kaffeeketten und deshalb manchmal laut und ungemütlich.

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Starbucks Cold Foam Cold Brew

Seid ihr eigentlich schon nächtelang wachgelegen und habt überlegt, wie man Starbucks auf Koreanisch schreibt? Das habe ich mir gedacht, also erlöse ich euch: Es heißt …

스타벅스

Coffee Smith besticht durch die vielleicht beste Atmosphäre aller Systemcafés. Der markante Industrial-Startup-Chic (nackte Betonwände, Holztische, karge Dekoration, gutes WiFi) wirkt ein bisschen wie eine Science-Fiction-Variante eines traditionellen Wiener Kaffeehauses. Gerade die Unfreundlichkeit der Mitarbeiter weckt Heimatgefühle in mir. Ans Herz gewachsen ist mir der Drip Coffee, der sehr aromatisch und stark ist, aber nicht so totgeröstet wie bei Starbucks.

Beans & Berries erinnert von der Innengestaltung ein wenig an Clown-College, allerdings sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Rein von der Produktqualität ist es erstklassig. Der Espresso ist überraschend tauglich und auch deren Patbingsu (koreanische Eisspezialität) ist eines der besten.

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Paul Bassett scheint wie der Traum eines jeden Kaffeeliebhabers. Man bekommt eine gute Atmosphäre und Espresso. Und Espresso Macchiato. UND RISTRETTO!! Bei meinem ersten Besuch fühlte ich mich im Siebten Himmel. Geschmacklich hinkt man aber leider ein bisschen hinten nach.

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Weitere häufig anzutreffende Ketten sind Holly’s Coffee, The Coffee Bean, Café Pascucci und Angel-in-us. Diese sind weder geschmacklich noch atmosphärisch in irgendeiner Art und Weise herausragend. Erwähnenswert ist der Frappuccino-Klon von Angel-in-us. Dieser wird „Snow“ genannt und schmeckt ziemlich genial. Sobald aber irgendwo Kaffee hineinkommt geht es bergab.

Eine besondere Kategorie bilden Paris Baguette und Tous les jours, die beide Kaffee verkaufen (auch den billigsten), aber primär Bäckereien sind. Die Amerikaner von Baskin & Robbins laufen ebenfalls außer Konkurrenz, weil primär ein Eisgeschäft. Der Kaffee ist allerdings schlimm.

Die folgenden Kaffeehausketten sollte man aber definitiv meiden. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Wall of Shame

… der Silberne Becher für den schlechtesten Kaffee geht an …

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… Tous les jours …

… und der Goldene Becher für den schlechtesten Gesamteindruck geht ex aequo an …

 

Unabhängige Röstereien

In manchen Stadtteilen gibt es kleine unabhängige Coffeeshops wie Sand am Meer. Manche sind seltsam, manche Weltklasse. Ein Qualitätshinweis ist es, wenn das Lokal nicht nur als Café, sondern auch als Rösterei fungiert und Bohnenkaffee verkauft. In diesen Lokalen können Kaffeeliebhaber manchmal seeehr glücklich werden. Neben mehreren Varianten Drip Coffee, den üblichen Ami-Sorten und diversen Säften/Smoothies gibt es auch aufregende Kreationen zu probieren. Mein größtes Aha-Erlebnis bisher war definitiv der „Einspänner„. Ja, dabei handelt es sich wirklich um die Wiener Kaffeespezialität und ja, diese wird auch in Seoul oft unter ihrem deutschen Namen verkauft (manchmal auch als Vienna Coffee). Einspänner ist im Original ein doppelter Espresso mit Schlagobershaube (Obers = Sahne), der im Glas serviert wird. Die Seouler Variante ist eher ein Long Black mit Milchschaum. Da sich Schaum und Kaffee nicht vermischen, entsteht ein ausgesprochen schöner Kaffee (siehe Titelbild). Und das Auge trinkt letztlich mit.

Vietnamesicher Kaffee (mit Kondensmilch) ist auch sehr häufig zu bekommen, wird allerdings unter verschiedenen Namen verkauft (beispielsweise Café Hooamdong). Mein persönlicher Favorit bleibt aber Espresso con panna (Espresso mit wenig Schlagobers). Auch den kann man hin und wieder finden.

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Karte des Tiger Espresso in Itaewon

Diese unabhängige Kaffeeszene hat einige Gefahrbereiche:

  1. Die Musik: Fast alle Lokale spielen den Starbucks-Soundtrack, also leichten und luftigen Jazz. Es ist gut zum Ignorieren, allerdings klingt es überall gleich.
  2. Die Dichte: Allein in meinem Wohnviertel haben in den letzten sechs Monaten drei neue Cafés eröffnet. Irgendwann wird’s dann auch zu viel.
  3. Die Präpotenz: Einmal bestellte ich einen vietnamesischen Kaffee auf Eis, bei dem die Kondensmilch auf dem Kaffee schwamm. Da mir der Sinn nicht danach stand, beim ersten Schluck einen Mundvoll picksüße Kondensmilch runterzuschlucken, bat ich die Barista um ein Rührstäbchen (Löffel gibt’s keine). Sie sah mich etwas entgeistert an und pantomimte, ich solle doch bitte den Kaffee durch die Milch trinken. Ich spielte die Entgeisterung geradewegs zurück, ließ mich aber auf keine Diskussion ein und tat wie mir befohlen. Es war ein ganz exzellenter Kaffee, der aber definitiv durch ein bisschen Rühren nicht schlechter geworden wäre. Vielleicht mache ich das nächste Mal auf James Bond und bestelle den Kaffee geschüttelt, nicht gerührt.
  4. Die Öffnungszeiten: Meistens im Bereich 12 Uhr mittags bis 22 Uhr abends. Am Vormittag muss man oft zur Systemgastronomie.

Trotzdem trägt diese Szene maßgeblich zur meiner Lebensqualität bei und deshalb sei ihr so manche Macke verziehen.

In diesem Sinne: Beste Grüße aus Seoul! Was ist euer Liebingskaffee/-café? In die Kommentare damit!

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