Hiroshima – Zu Gast im Abgrund

Nach vier Tagen in Kyoto wurde der Expresszug Shinkansen meine neue Heimat. Mit Japan-Rail-Pass machte ich mich auf Reisen. Der erste Boxenstopp war Hiroshima. Eine Stadt, die vor allem zum Nachdenken anregt.

Anfahrt von Kyoto

Es gibt einen direkten Zug von Kyoto nach Hirsoshima, aber der „Nozomi“ Express auf der Strecke Tokyo-Fukuoka ist nicht im Japan Rail Pass inkludiert. Somit nahm ich mit dem „normalen“ Shinkansen vorlieb und musste einmal umsteigen. Die beiden hierfür relevanten Shinkansen sind der „Hikari“ auf der Strecke Tokyo-Nagoya-Kyoto-Osaka (manchmal noch über Kobe nach Okayama) und der „Sakura“ auf der Strecke Osaka-Kobe-Hiroshima-Fukuoka-Kagoshima.

Nachdem mich japanische Hauptbahnhöfe wegen der vielen Menschen (und vielen Züge) schon ganz grundsätzlich etwas nervös machen, steigerte sich das durch die lediglich acht Minuten Umsteigezeit in Shin-Kobe ins Bedenkliche. Zu meiner Überraschung besteht dieser Bahnhof aber nur aus zwei Bahnsteigen, also konnte ich nach dem Aussteigen einfach stehen bleiben.

Insgesamt dauerte die Reise knapp drei Stunden. Im Sakura-Abschnitt von Kobe nach Hiroshima hatte ich sogar das seltene Glück einen Shinkansen mit vier Sitzen pro Reihe zu erwischen. Die Standardbestuhlung ist 3+2, allerdings sind die Waggons breiter, als in Europa.

In Hiroshima

Für einen Geschichtsinteressierten ist diese Stadt wegen des Atombombenabwurfs von 1945 unglaublich interessant. Ich dachte, die Atmosphäre dieser Stadt, die nach der Bombe wiederaufgebaut wurde und aktuell offenbar auch ziemlich boomt, hätte etwas Inspirierendes. Inspiration habe ich auch gefunden, aber vielleicht nicht in dem Sinn, den die Tourismusstrategie dieser Stadt gern hätte. Dazu weiter unten mehr. Zudem  wurde mir klar, dass Hiroshima neben der etwas dick aufgetragenen Inszenierung seiner Geschichte noch ein paar andere interessante Dinge zu bieten hat.

Atomic Bomb Dome

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Dieses Gebäude liegt weniger als 150 Meter vom Detonationsort der Bombe. Die wegen der häufigen Erdbeben extrem massive Bauweise ist der Grund, warum die Grundmauern der Explosion widerstanden haben.

Am Ende des Artikels werde ich noch ein paar persönliche und teils kritische Worte zum Atomic Bomb Dome und der Geschichtsinszenierung der Stadt verlieren.

Peace Memorial Park

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Die Friedenstore bei Nacht

Hier kann man einen inflationären Exzess an Friedensdenkmälern, -mahnmählern, -schreinen und -symbolen bewundern. Es gibt

  • Friedenspark
  • Friedenstore
  • Friedensmuseen (mindestens zwei)
  • Friedensboulevard
  • Friedensflamme
  • Friedensteich
  • Kinder-Friedensmonument (ohne Schokolade)
  • Friedensglocke
  • Friedenslaterne
  • Friedensbrunnen
  • Friedenskanone (Hä?)
  • Friedensstatue
  • Gebetsstatue für den Frieden
  • Friedensturm und
  • Friedenspostkasten (kein Witz!)

Es gibt auch ein paar überraschende Gedenkorte, wie zum Beispiel eine Statue für die durch die Bombe getöteten Koreanerinnen und Koreaner. Solche Dinge sind wohl in Japan keine Selbstverständlichkeit.

Im Zentrum des Friedensparks steht ein großes Gedenkmahnmal, das allen Opfern gewidmet ist. In einem interessanten und etwas seltsamen Arrangement sind dieses Mahnmahl, das leicht nach Zielfernrohr aussieht, und die Friedensflamme wie Kimme und Korn einer Schusswaffe exakt auf den Atomic Bomb Dome ausgerichtet. Ich kenne den Gedanken dahinter nicht, fand es aber etwas makaber. Wikipedia hat einen guten Schnappschuss davon: siehe hier.

Hinter der Friedensflamme steht allerdings eine schöne Idee: diese brennt seit ihrer Errichtung 1964 ununterbrochen und soll das auch weiter tun, bis alle Atomwaffen auf dem Planeten entsorgt sind.

Okonomimura

Okonomiyaki sind die kulinarische Haus- und Hofspezialität Hiroshimas und ein Stück äußerst beliebte Hausmannskost. In der Theorie klingt es zunächst seltsam: eine Art Tortilla, eine Portion gekochte Nudeln, eine Portion Fleisch oder Fisch mit etwas Gemüse, und ein Omelette werden übereinander gestapelt und dem Kunden (für japanische Verhältnisse äußerst formlos) vor den Latz geknallt. Wer möchte kann noch ein Topping (z.B. Käse) dazubestellen.

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Okonomiyaki mit Shrimps und Tintenfisch bei der Zubereitung

Wer meinen ersten Japan-Artikel mit meinen japanischen Lieblingsspeisen gelesen hat, wird jetzt einwenden, dass Okonimiyaki dort fehlen. Das ist richtig und sie fehlen zurecht. Es ist eine gute Mahlzeit, aber sicher kein kulinarisches Highlight. Jedoch: wie so oft bei Hausmannskost ist auch hier nicht das Essen entscheidend, sondern die Atmosphäre. Wer ein bisschen authentisches Japan kennenlernen will und mit Japanern ins Gespräch kommen will (wenn sie denn Englisch können) muss nicht weiter gehen, als in eine Okonomiyakilokal. Die Dinger sind so populär, dass es ein ganzes Haus voll mit Spezialitätenrestaurants gibt: Okonomimura. Laut eigener Webseite kann man dort aus 25 verschiedenen Lokalen wählen, die alle mehr oder weniger dasselbe anbieten. Gefühlt sind es sogar noch mehr. Wie in Japan häufig zu sehen, bestehen die Lokale nur aus einer Küche mit Sitztheke rundherum. Wenn es voll ist, wird es also ganz schön kuschelig. Das Essen wird direkt vor dem Gast auf einer Kochplatte zubereitet.

20181007_202156Im Okonomimura sind die Restaurants auf drei Etagen verteilt, wobei die oberste Etage schäbig aber authentisch und die mittlere Etage etwas eleganter und touristischer wirkt. In die unterste Etage bin ich gar nicht mehr gegangen :-).

Offizielle Webseite (auch in Englisch)

Miyajima

Miyajima ist eine Insel unweit Hiroshimas. Mit einer knapp einstündigen Straßenbahnfahrt aus dem Stadtzentrum bzw. einer (kürzeren) Zugfahrt vom Hauptbahnhof zum Fährterminal plus zehn Minuten Bootsfahrt ist sie sehr bequem zu erreichen.

Miyajima ist Heimat des ikonischen Itsukushima Schreins, dessen Meeres-Torii eines der ganz großen Postkartenmotive Japans ist. Bei einer Google-Pics-Suche mit Stichwort Japan ist es das fünfte vorgeschlagene Bild hinter Flagge, Landkarte, Mt. Fuji und der Tokyo-Skyline.

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Doch Miyajima kann noch viel mehr: es ist ein Badeparadies, Wanderparadies,  Meeresfrüchteparadies (gegrillte Austern!) und auch sonst einfach wunderschön. Aufgrund der anbrechenden großen Nachmittagshitze während meines Aufenthalts (32 Grad im Oktober!) bin ich relativ schnell wieder zurückgefahren, aber schon durch meinen rund zweistündigen Rundgang war ich von dieser Insel absolut begeistert. Leider habe ich erst sehr kurzfristig von diesem Ort erfahren, ansonsten hätte ich glatt eine Nacht dort verbracht. Abends und frühmorgens, wenn die Massen an Tagesausflüglern weg sind, ist es sicher ganz außergewöhnlich.

Ein weiteres Highlight sind die vielen freilaufenden, handzahmen Rehe.

 

Geschichte und Gegenwart

Es waren für mich sehr emotionale zwei Tage in Hiroshima. Die bedrückende Geschichte dieser Stadt wird äußerst markant und sichtbar am Leben gehalten und inszeniert. Der Atomic Bomb Dome und der Peace Park sind nicht nur touristisches sondern auch geografisches Zentrum Hiroshimas. Nur durch den Ausflug nach Miyajima konnte ich diesen bewegenden und die Stadt dominierenden Gedenkstätten entkommen. Doch auch das Inselparadies änderte nichts an dem Umstand, dass ich nach zwei Tagen genug von Hiroshima hatte. Nicht so sehr, weil die Stadt nichts hergibt – ganz im Gegenteil – aber mit einer derartigen Massenvernichtung bei jedem Stadtspaziergang unweigerlich konfrontiert zu werden ist einfach deprimierend.

Ich hatte gedacht, dass allein das Überleben und Wiedererstarken dieser Stadt und ihrer Bewohner nach der fast kompletten Vernichtung eine Ode an die unzerstörbare Kraft und den ewigen Lebenswillen der Menschheit sei. In gewisser Weise ist Hiroshima auch genau das, jedoch steht dem die ausladende Zurschaustellung des vergangenen Leids auch im Weg. Es stellt sich die Frage, was die stärkere „Message“ ist: das ewig gleiche Leid weiterzuerzählen, zu pflegen, zu vermarkten oder – wie die New Yorker – auf den Trümmern des Ground Zero ein neues, größeres, schöneres Haus zu bauen.

Interessanter Weise führte die Stadtbevölkerung vor einigen Jahrzehnten genau diese Diskussion: Sollte man den Atomic Bomb Dome abreißen oder als Mahnmahl pflegen? Die Gruppen hielten sich zahlenmäßig in etwa die Waage, am Ende setzten sich die Erhalter-Stimmen knapp durch. Nach meinem Besuch denke ich, dass das ein Fehler war.

Es ist wohl nicht die Moral, die diese Stadt verbreiten will, aber immerhin regt ein Besuch zu heftigem Nachdenken an. Das ist das große „Souvenir“ Hiroshimas: innere Einkehr, ein Blick in den Schatten, aber auch ein Stück authentisches Japan. Und damit hat sich der Aufenthalt definitiv gelohnt.

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