Tokyo – Die erste Stadt, die mich besiegte

Lange haben mir zu Tokyo die Worte gefehlt. Vielleicht fehlen sie mir immer noch. Aber ich versuch’s mal …

Erinnerungen

Es ist fast schon ein Monat vergangen, seit ich mich dem unvergleichlichen Sog Tokyos ausgeliefert habe. Im Gegensatz zu den vorangegangenen drei Stationen meiner Reise (Beiträge zu Kyoto, Hiroshima, Fukuoka) lässt sich Tokyo nicht (relativ) kurz und knackig zusammenfassen. Andererseits kennt das Wichtigste ohnehin jeder: die Skyline, das exzellente japanische Essen (in Tokyo eher noch besser als sonstwo, siehe hier). Und seit dem Film „Lost in Translation“ ist die unnachahmliche und schwer verdauliche Wucht mit der Tokyo auf seine Besucherinnen und Besucher niederprasselt ins globale Allgemeinwissen übergegangen. Tokyo ist eng, ungemütlich und stressig. Verglichen mit Seoul sind die Wolkenkratzer höher, die Straßen schmäler, das Leben schneller, die Luxusviertel noch etwas luxuriöser und teurer, die Paläste und Tempel ein ganzes Stück ausladender. Von der Größe und dem fehlenden Stadtzentrum her sind sich die zwei Ostasienmetropolen recht ähnlich. Während man bei Seoul jedoch üblicherweise von zwei Stadtzentren spricht (Jongno und Gangnam) muss man sich in Tokyo zum Zählen fast schon eine dritte Hand wachsen lassen. Verallgemeinert kann man sagen, dass jede dritte oder vierte Station der JR Yamanote Line (Tokyos S-Bahn-Ringline) ein neues kleines Stadtzentrum offenbart – insgesamt hat die Linie 29 Stationen. Und damit hört das fröhliche Zentrumszählen natürlich nicht auf. Der offizielle Reiseführer der Stadtverwaltung (online auf http://www.gotokyo.org/de) beinhaltet Informationen zu 14 zentralen Stadtteilen und sieben mögliche Ausflugsregionen. Was ich sagen will: bei einem Tokyo-Urlaub besichtigt man primär U-Bahnen und S-Bahnen und nicht historische Gebäude, Museen oder Restaurants. Ich empfehle während des Aufenthalts ein oder zwei Hotelwechsel in Betracht zu ziehen. Ansonsten sitzt man auf dem Weg in weit entfernte Stadtviertel lange im Zug.

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Die anfangs erdrückende Skyline

Mal langsam: Tokyo aus der Distanz wirken lassen

Die einprasselnde Wucht dieser Stadt hat bei mir einen gewissen Fluchtinstikt geweckt. Zum Glück gibt es gar nicht wenige Fluchtwege: zahllose Aussichtsplattformen, Vororte, Gärten und Parks lassen den gestressten Touristen die neuen Eindrücke in Ruhe verarbeiten. Meine Spaziergänge führten mich am ersten Tag (recht zufällig) in die benachbaren Parks „Kyu Shiba-rikyu Gardens“ und „Hama-rikyu Gardens“, sowie auf das „World Trade Center“ (alles Nähe Hamamatsucho Station, Yamanote Line). Dieses hat die niedrigste Aussichtsplattform der Stadt, aber auch die ruhigste und mit einem Eintrittspreis von 500 Yen (etwa vier Euro) die günstigste.

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Aussicht vom World Trade Center
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Hama-rikyu Park – Ein Stück Großstadtidyll

Besonders der Kyu Shiba-rikyu Zen-Garten hat es mir angetan. Ich war gleich zweimal dort zu Besuch. Ein magischer Ort, an dem das Zen-Gärtnern zur absolut packenden Vollendung kommt. Trotz oder gerade wegen der massiven Skyline rundherum. Ein Pflichttermin für Liebhaber der kleinen Dinge.

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Nach ein paar Stunden des vorsichtigen Abtastens war ich dann reif für den Moshpit der Hauptstraßen und Hauptattraktionen.

Ab in den Fleischwolf

Shopping in Ginza, Panorma vom Himmelsbaum (Tokyo Skytree), Räucherstäbchen-High vor dem Sensoji Tempel. Wann immer es in Tokyo in die Nähe der Hauptattraktionen geht, ist der Mensch kein Herdentier mehr, sondern Schwarm-Tier. Wenn es einen Ort auf diesem Planeten gibt, an dem der Satz von den „strömenden Menschenmassen“ mehr als eine Metapher ist, dann ist es Tokyo.

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Luft anhalten auf dem Weg zum Sensoji-Tempel (siehe Titelbild).

Wo ist eigentlich mein Unterkiefer?

Nach all den möglichen Schockmomenten während der Eingewöhnungsphase wird doch klar, dass Tokyo eine beeindruckende Stadt ist. Auch in eigentlich unverdächtigen Gegenden kam mir oft ein „Wow!“ aus. Ein schönes Haus, ein kleiner Nachbarschaftstempel oder einfach das pulsierende Leben war ständig um mich herum. Blick nach oben, Lade nach unten – daran erkennt man in Tokyo die Touristen.

 

Rückfall ins Chaos

Am dritten Tag hatte ich das Gefühl, langsam Oberhand zu bekommen. Eine kleine Fehlentscheidung beutelte mich dann aber wieder ordentlich durch. Welche Fehlentscheidung? Ich wollte zu Fuß zum Königspalast gehen – durch den Hauptbahnhof. In Europa ist das wohl nirdends ein Problem. Man geht eben durch den Bahnhof. In Japan sind alle Bahnhöfe jedoch mit Schranken gesichert und ohne Ticket kommt man nicht hinein. Gut, dann eben Umweg. Aber welch ein Umweg es dann wurde! Zwei Etagen runter, dann ein, zwei Runden bis man die richtige Kurve kriegt und schließlich durch einen langen Gang auf die andere Seite des Bahnhofs, zwei Etagen nach oben und völlig erledigt raus auf den Vorplatz. Gesamte Reisezeit: rund 45 Minuten. Unfassbar!

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Tokyo Station: Von außen ach so unscheinbar.

Aber dennoch: Tokyo entschädigt immer sehr schnell für alle Mühen. Sobald ich mich am Vorplatz des Königspalastes ergötzen durfe verfiel ich sofort wieder in  Touristenstarre: Kopf rauf, Lade runter. Alles Vorangegangene war wie weg gefegt.

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Eine Neudefinition von „Platz“. Und das ist eigentlich nur der Vorgarten – der echte Palast ist natürlich immer noch bewohnt und nicht zugänglich.

Erneute Flucht ins Abseits

Nach dem Kraftakt Königspalast musste ich wieder etwas Distanz gewinnen. Mein Ziel: Küste. Ich entschied mich aus Bequemlichkeit für den Surferspot Kamakura. Es sollte sich voll auszahlen. Zwar ist auch dieser Ort mit Menschen vollgepackt, aber aufgrund des kühlen Wetters war zumindest am Strand nicht so viel los. Die scharfe Meeresbrise fand ich sehr entspannend. Zudem hat Kamakura mit seiner gibraltaresken Halbinsel einen ziemlichen Hingucker.

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Und das war auch schon alles. Ja, auch mir kommt das relativ wenig vor, aber wie eingangs erwähnt, verbringt man in Tokyo sehr viel Zeit in S-Bahnen und U-Bahnen. Ich habe das Gefühl, nur ein Promille der Stadt gesehen zu haben. Von den vielen Sehenswürdigkeiten im Umland (Yokohama, Narita, Mt. Fuji usw.) ganz zu schweigen.

Kyoto und Tokyo oder Tokyo und Kyoto?

Es ist relativ eindeutig, was die absoluten Hotspots Japans sind: die alte und die neue Hauptstadt und Kaiserstadt. Kyoto und Tokyo. Ich habe mit mehreren Leuten darüber gesprochen, wie man die erste Japanreise am besten angeht. Der Tenor scheint zu sein, dass Kyoto und Osaka einen sehr guten Überblick bieten. Wenn man also wenig Zeit hat, sollte man die Kansai-Region gegenüber Tokyo vorziehen. Abgesehen von Kyoto gibt es dort mit Kobe, Nara und unglaublich vielen idyllischen Dörfern und Bergen jede Menge Möglichkeiten Japan in seiner ganzen Fülle zu erleben. Und zwar über Wochen hinweg.

Wer seinen Japan-Aufenthalt ganz in Tokyo verbringt, lernt eben Tokyo kennen, aber nicht Japan. Die Hauptstadt ist ein legendenschwangeres Paralleluniversum, das schon ein bisschen jenseits von Raum und Zeit existiert (bzw. eher im Zeitraffer). Mir hat diese Stadt vor meinem Besuch ein wenig Angst eingeflößt und tut das nach meinem Besuch immer noch. Wenn ich so überlege, welche anderen Städte ein ehrfürchtiges Kribbeln in mir hervorrufen, dann kommen mir nicht viele in den Sinn: New York, Kapstadt, London, Moskau. Und Tokyo. Viel länger wird die Liste wohl nicht.

Wer beide Städte besuchen und auch Osaka direkt anfliegen kann, sollte tendenziell in Kyoto/Osaka beginnen. Die Ankunft in Osaka-Kansei ist unkompliziert, die Bahnverbindungen vom Flughafen relativ durchschaubar und Kyoto selbst auch relativ einfach zu entschlüsseln. Speziell nach einem Langstreckenflug mag das ein großer Vorteil sein.

Ich für meinen Teil kann sagen, dass Tokyo bei meiner nächsten Japan-Reise maximal als Eingangspforte und Notausgang auf dem Reiseplan stehen wird. Ich weiß aber auch: es wäre der spannendste Notausgang des Landes.

 

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