Der Geist der Rebellion: Zwei Tage in Gwangju

Nach Jeonju nun also Gwangju. Warum auch nicht, immerhin reimt es sich sogar. Aber ich hatte ein fixes Ziel.

Die Gwangju-Frage

Die Gwangju-Frage lautet „Was gibt es in Gwangju zu sehen?“ Die Antwort der meisten Koreaner ist … betretenes Schweigen. Ich selbst habe nun gut 24 Stunden dort verbracht und kann mit voller Inbrunst bestätigen: Es gibt NICHTS Interessantes zu sehen.

Jänner 154

Der Grund dafür liegt nicht (nur) in katastrophaler Stadtplanung, sondern auch in jahrhundertelanger Benachteiligung und Unterentwicklung der Jeolla-Provinz, deren größte Stadt heute Gwangju ist. Und genau hier sind wir bei der einzig relevanten Sehenswürdigkeit dieser Stadt: seine Geschichte. Wer sich dafür öffnen kann, wird unter jedem Kieselstein faszinierende Erzählungen von Überlebenskampf und Rebellion finden. Wer sich nicht für Geschichte interessiert, braucht erstens nicht nach Gwangju zu fahren und zweitens diesen Artikel nicht fertig zu lesen.

18. Mai 1980

In den siebziger Jahren schlitterte Südkorea in eine Diktatur. Der 1963 und 1969 demokratisch gewählte Präsident Park Chung-Hee sicherte sich Anfang der Siebziger seinen Posten durch Verfassungsänderungen auf Lebenszeit. Parks Ende hätte durch Monty Python nicht besser inszeniert werden können: laut Wikipedia wurde er 1979 während eines Saufgelages von seinem Geheimdienstchef erschossen.

Nur zwei Monate später putschte sich das Militär an die Macht und Chun Doo-Hwan machte sich zum neuen Staatschef. Er zog die Zügel für die Bevölkerung extram an – wohl auch aus Angst, der feindselige nördliche Nachbar könnte die instabile Situation ausnützen.

Geschichtsbücher und Zeitzeugen sprechen von strikten Ausgangssperren, Massenfestnahmen, Panzern im Stadtgebiet und zwangsweise geschlossenen Universitäten.

Das Fass läuft über

Am 18. Mai 1980 versammelten sich in Gwangju zunächst rund 600 Studenten und protestierten friedlich gegen die Repressalien. Die Demonstration wurde vom Militär gewaltsam aufgelöst. Diese Brutalität brachte aber das Fass zum Überlaufen und es folgten tagelange Massendemonstrationen mit bald über 100.000 Teilnehmern.

Nachdem das Militär am 20. Mai erstmals Schusswaffen gegen die Demonstranten einsetzte, plünderten diese Polizei- und Militärdepots, konnten sich so bewaffnen und in Folge das Militär aus dem Stadtzentrum drängen. Am 27. Mai stürmte das Militär mit 20.000 Soldaten die Stadt Gwangju und setzte den Demonstrationen ein Ende.

Die aktuell offizielle Opferzahl liegt bei 154 toten Zivilisten und tausenden Verletzten. Andere Schätzung gehen allerdings von mehr als 2.000 Toten aus.

Der damalige US-Präsident Jimmy Carter bezeichnete den Gwangju-Aufstand als kommunistische Verschwörung, was jahrelang die offizielle Version der Geschehnisse blieb. Nur ein Jahr später vergab das Internationale Olympische Komitee die Sommerspiele 1988 an Seoul.

Die Demokratie ist nicht aufzuhalten

Jänner 157

In der Gedenk-Halle des 18. Mai Friedhofs. Im Hintergrund die Bilder einiger Todesopfer.

Auch wenn es erst sieben Jahre nach dem Gwangju-Aufstand wieder eine demokratische Wahl gab, gilt der 18. Mai 1980 als Geburtsstunde der modernen Koreanischen Republik.

Die Aufarbeitung der Militärdiktatur-Ära, in die Wirtschaftsaufschwung, Infrastrukturmodernisierung und UNO-Beitritt, aber auch Gewalt gegen die eigene Bevölkerung fielen, dauert bis heute an.

Der Fall Hinzpeter

Der Deutsche ARD-Korrespondent Jürgen Hinzpeter war 1980 der einzige westliche Journalist in Gwangju und dokumentierte die Ereignisse.

Hinzpeter ist 2016 verstorben und wurde auf eigenen Wunsch auf dem „May 18 National Cemetery“ in Gwangju begraben. Ein Jahr später erschien der koreanische Film „A Taxi Driver“, der von Hinzpeters Erlebnissen in Gwangju erzählt. Er wird im Film von Thomas Kretschmann gespielt (nähere Informationen auf der IMDb).

Jänner 161

May 18 National Cemetery

Neben „Seodaemun Prison History Museum“ und „War Memorial of Korea“ in Seoul ist Gwangjus Nationalfriedhof die dritte Sehenswürdigkeit Koreas, die ich als „besonders emotional“ einstufen würde. Während bei den Erstgenannten jedoch ein schaler überpatriotischer Nachgeschmack bleibt, ist der Gwangju-Aufstand als durch und durch interne Katastrophe von (außen)politischen Interessen gefeit. Darüber hinaus gibt es aufgrund des technischen und medialen Fortschritts auch deutlich mehr authentisches Bild- und Filmmaterial darüber.

Jänner 177

Der Friedhof selbst ist sehr weitläufig: Skulpturen, Ehrengräber, Gedenktafeln, Plätze und ein Museum sorgen für eine regelrechte Geschichtsimmersion.

Der benachbarte „normale“ Stadtfriedhof gibt mit seiner hügeligen Landschaft auch ein sehr schönes Bild ab und erinnerte mich an das legendäre Dreierduell aus dem Sergio Leone Film „Zwei glorreiche Halunken“ („The Good, the Bad and the Ugly“).

Jänner 160

Leider ist dieser Ort etwas kompliziert zu erreichen. Sofern man sich irgendwie den koreanischen Namen aufschreiben lassen kann (oder im Internet findet) würde ich zu einem Taxi raten. Leider bleibt dann das Problem der Rückfahrt, denn nach meinem Besuch habe ich definitiv kein Taxi am Friedhofsparkplatz oder entlang der Straße gefunden.

Der Friedhof wird aus der Stadt Gwangju von Bus 518 bedient. Dieser fährt zunächst von der Gegend des Holliday Inn durch die ganze Innenstadt und dann nach Norden bis zum Friedhof und noch etwas weiter. Bei meiner Fahrt war leider die Haltestellenansage (auch auf Englisch) verspätet und ich habe den Friedhof glatt verpasst. Ich bin zur Endstation weitergefahren und dann nach etwas Wartezeit zurück. Beim zweiten Versuch hat es geklappt. Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Intervalle 40-60 Minuten.

Sonstiges

Gwangju verfügt über ein landesweit recht angesehenes „Folk Museum“. Wenn man gerade in der Stadt ist lohnt sich ein Besuch durchaus, allerdings erscheint es verglichen mit jenem in Seoul ziemlich mickrig. Absolut abraten kann ich vom Besuch des „National Museums“, dieses ist trotz seines herrlichen Standorts verglichen mit seinesgleichen in anderen Städten des Landes eher jämmerlich.

Jänner 134

National Museum

Jänner 136

Folk Museum

Wissend, dass Gwangju nicht besonders interessant werden würde, habe ich für mein Hotelzimmer etwas tiefer als sonst in die Tasche gegriffen und leistete mir das Holiday Inn. Dort bekam ich ein schönes Zimmer und das längste Frühstücksbuffet meines Lebens. Ob das alles 200-300 Euro wert ist (je nach Kategorie), darüber lässt sich allerdings trefflich streiten. Es ist jedenfalls das einzige „bessere“ Hotel der Stadt.

Gut war’s! 🙂

2 Antworten auf „Der Geist der Rebellion: Zwei Tage in Gwangju

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