Ein Besuch im Alphabetsmuseum

Vielleicht eine neue Quizfrage für „Wer wird Millionär?“: Was sieht man in einem „Hangul-Museum“. Antwort: die Geschichte des koreanischen Alphabets. Ein überraschend faszinierender Ort.

Lage

Bereits in seiner Lage kann man erkennen, dass das Hangul-Museum nicht als Touristen-Hotspot gedacht war. Es liegt im Areal des riesigen „National Museums“ (ein Geschichte-Kunst Hybrid), etwas versteckt in einer Parkanlage.

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Im Hintergrund das Nationalmuseum
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Pagodensammlung und ein Park im Winterschlaf

Mit der U-Bahn kann man beide Museen mit der Linie 4 erreichen – die Haltestelle heißt „Ichon“ (이촌).

Alphabet und Identität

Das Lateinische Alphabet wird in derart vielen Ländern verwendet, dass es für niemanden identitätsstiftend ist. Für mich war der ständige Identitätsunterton des koreanischen Hangul deshalb sehr fremd: ein eigenes Museum für ein Alphabet? Seltsam. Ein Gedenktag (09.10.) zu Ehren eines Alphabets? Seltsam. Heldenhafte Verehrung des Hangul-Erfinders König Sejong? Hm.

Als Europäer fällt es schwer, sich in eine Gesellschaft hineinzuversetzten, die nicht nur ihre eigene Sprache, sondern auch ihr ganz eigenes Zeichensystem entwickelt hat. Noch dazu ein „Geplantes“, das seit Anbeginn als Instrument zur kulturellen Emanzipation von China gedacht war. In Hangul ist nichts dem Zufall überlassen und deshalb wird die starke Bindung zwischen Sprache, Alphabet, Kultur und Identität in Korea bei näherer Beschäftigung sehr deutlich und inspirierend.

Ein bisschen Geschichte

Hangul geht auf König Sejong zurück, der von 1418-1450 regierte. Er kam irgendwann zum Schluss, dass das damals verbreitete chinesische Alphabet der koreanischen Sprache bzw. dem koreanischen Denken nicht (mehr) gerecht wurde. Die Ausdrucksfähigkeit war durch die fremde Sprache und das fremde Alphabet eingeschränkt. Mit diesem Grundsatz begann er mit der Entwicklung von Hangul, um der koreanischen Bevölkerung mehr Zugang zu Bildung und Mitsprache zu ermöglichen.

Die Sprache unserer Nation ist derart anders, als Chinesisch, dass die beiden Sprachen nicht mit denselben Zeichen auszudrücken sind. Deshalb gibt es viele Analphabeten, die ihre Meinungen nicht verschriftlichen können. Ich habe Mitleid mit ihnen und deshalb 28 neue Buchstaben entwickelt [mittlerweile 40, Anm.]. Ich wünsche mir, dass die Leute sie lernen und mit Leichtigkeit in ihrem Alltag gebrauchen.

König Sejong (von mir übersetzt aus dem Englischen)

Woher König Sejong die Inspiration für das Alphabet nahm, ist nicht ganz klar. Es gibt Ähnlichkeiten zu chinesischen, aber auch zu lateinischen Buchstaben. Die Anordnung der Zeichen ist allerdings einzigartig und hat keine Gemeinsamkeiten mit den Silbenschriften Japans und Chinas. In Nordkorea gibt es die Legende, dass König Sejong ein bereits bestehendes Schriftsystem lediglich neu arrangiert habe.

Ein interessantes Detail ist, dass man Hangul problemlos in verschiedene Richtungen schreiben kann – also von oben nach unten (wie Chinesisch) und von links nach rechts (wie Deutsch). Anfangs wurden beide Schreibweisen verwendet, heute werden alle Texte von links nach rechts geschrieben.

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Statue von König Sejong am Gwanghwamun-Platz. Im Hintergrund der ehemalige Königspalast.

Interessanter Weise gab es anscheinend bei und nach der Einführung des neuen Alphabets wenig Zwang und das Königshaus verfolgte eine sanfte Sprachpolitik. Über Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte wurden Bücher aus dem Chinesischen ins Koreanische transliteriert und das nun nicht mehr ganz neue Hangul so allmählich verbreitet.

Die Philosophie von Hangul

Über den initialen, zentralen und finalen Ton einer Silbe sollte gesagt werden, dass sie die grundlegenden Veränderungen des Yin und des Yang durch Stabilität und Bewegung symbolisieren. Der initiale Ton (Konsonant) symbolisiert den dynamischen Himmel, der finale Ton (Konsonant) die stabile Erde und der zentrale Ton (Vokal) den Menschen, der reglos und beweglich zugleich ist.

Aus den „Explanations for the principles of letters“, in Hunminjeongeum, 1447 (von mir aus dem Englischen übersetzt)

Der Denkprozess hinter Hangul ist beachtlich. Alles hat System, Ordnung und linguistischen Hintergrund. Viele Konsonantenbuchstaben symbolisieren die Position von Lippen oder Zunge bei der Produktion der Laute.

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ㄱ-k, ㄴ-n, ㅁ-m, ㅅ-s, ㅇ-kein Laut

Alle phonetischen Variationen dieser Laute gehen ebenfalls von diesen Zeichen aus. Aspiration wird durch einen zusätzlichen Mittelstrich ausgedrückt und eine weichere Aussprache durch Doppelung. Einige Beispiele:

  • ㄷ – t / ㅌ – / ㄸ – d
  • ㅂ – p / ㅍ – pʰ / ㅃ – b
  • ㄱ – k / ㅋ – kʰ / ㄲ – g
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Hangul: Leicht und bequem? Darüber lässt sich streiten :-).

Im Museum

Das Hangul-Museum ist ein sehr gemütlicher Ort: nicht zu groß, nicht zu klein, informativ genug, interaktiv genug. Der Souvenir-Shop ist im Gegensatz zu fast allen anderen Museen sehr brauchbar.

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Ein Makel sind – wie so oft in Korea – die seltenen englischsprachigen Infotafeln. Durch die mehrsprachigen Broschüren wird ein wenig davon wettgemacht, aber es ist ganz klar, dass die koreanischen Infotafeln wesentlich mehr Informationen liefern.

Ganz toll für Ausländer ist der interaktive Lernraum, wo man auf Touchscreens die Schrift und einige Wörter lernen kann. Vielleicht schafft man es sogar seinen Namen in Hangul zu schreiben. Übrigens: Reinhard sieht in Hangul so aus:  라인하르트. Zumindest in der ganz präzisen Aussprache. Der Mittelteil 인하 („Inha“) hat sich mittlerweile als tauglicher Spitzname herausgestellt. Diesen Vornamen gibt es im Koreanischen nämlich wirklich.

 Die Wörterbuch-Ausstellung

Neben der Daueraustellung zu Hangul und dem „Lernraum“ gibt es im Museum noch eine Kinderausstellung (für Kinder, nicht von Kindern :-)) und einen Raum für Sonderausstellungen. Bei meinem Besuch ging es dort um Wörterbücher. Klingt vielleicht nicht spannend, aber das historisch erste Englisch-Koreanisch Wörterbuch zu sehen fand ich schon interessant. Das Highlight war zweifelsohne ein Koreanisch-Lateinisches Wörterbuch! Was es alles gibt. Koreanisch-Deutsch gab es leider nicht.

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Letzte Infos: Öffnungszeiten und Raumplan

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Siehe Foto.

Viel Spaß!

 

 

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