Koreanisch: Eine Liebesgeschichte

Nach 15 Monaten in Korea ist es nun Zeit für eine Meditation über die hiesige Sprache.

Die Sprache

Koreanisch ist keine schwere Sprache. Es ist im Gegenteil sogar eine vergleichsweise logische und strukturierte Sprache. Das sage ich allerdings als Sprachtrainer und studierter Linguist, der zuvor schon fünf andere Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch, Latein, Altgriechisch) in unterschiedlichem Ausmaß erlernt hat. Was ich aber hinzufügen will: die Sprache und auch die Alltagskommunikation funktioniert deutlich anders, als die meisten europäischen Sprachen.

Koreanisch ist eine agglutinierende Sprache, das heißt grammatikalische Funktionen werden als Suffixe am Wortende (oder als Infixe in der Wortmitte) eingefügt. Wo das Deutsche bespielsweise das Kind/die Kinder/dem Kind sagt – also die Grammatik hauptsächlich durch Artikeländerungen signalisiert – wird auf Koreanisch das Suffix geändert: 아이가 (Subjekt)/아이들 (Plural)/아이를 (Objekt) – gesprochen: aiga, aideul, aireul. Das Gleiche gilt für lokale Angaben: die Schule (hakyo-ga, 학교가), in der Schule (hakyo-eseo, 학교에서), in die Schule (hakyo-e, 학교에).

Der größte grammatikalische Unterschied ist die Satzstruktur. Ein Beispiel: „Ich gehe gerade zum Supermarkt, um Äpfel zu kaufen.“ würde mit koreanischer Syntax „Ich Äpfel kaufen-um-zu, Supermarkt-zum gehe-gerade.“ lauten. Alle Verben sind am Ende des Satzes und Nebensätze meist zu Beginn (selten in der Mitte). In der Übersetzung:

저는 사과들을 사러 슈퍼마켓에 가고 있읍니다.

Tschonun sagwadurul saro schupomakete kago issumnida.

Die einzige grammatikalisch ähnliche Sprache Europas ist meines Wissens Türkisch.

Die Höflichkeit

Manche Verben (z.B. essen) haben im Koreanischen schon zwei Grundformen. Das heißt es gibt ein formelles und ein normales Wort für dieselbe Aktivität. Das ist zwar beim Lernen nervig, aber Gott sei Dank eher selten. Jedoch lassen sich von allen Verben nicht weniger als acht Höflichkeitsformen ableiten. Das Beispiel „gehen“, auf koreanisch „kada“/가다 (kein Anspruch totaler Richtigkeit):

  1. 가 – ka (unter Freunden, quasi die „Servas oida!“-Form)
  2. 가요 – kayo (eine eher kollegiale Sie-Form, z.B. unter Studenten)
  3. 가세요 – kaseyo (höfliche Sie-Form)
  4. 갑니다 – kamnida (superhöflich)
  5. 갑니까 – kamnika (superhöfliche Fragen)
  6. 가십시오 – kaschipschio (höfliche Aufforderungen)
  7. 가십니다 – kaschimnida (die monarchische Form für Respektspersonen und alte Menschen – darf man nicht für sich selbst verwenden)
  8. 가십니까 – kaschimnika (monarchische Frageform)

So weit die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht: es gibt keine Personalformen. Das heißt, es gibt keine Variation zwischen ich, du, er, wir usw. Diese Bedeutung wird einfach durch das Pronomen geregelt. Ist ja auch genug, wenn ich sage „Ich gehen“ oder „Ihr gehen“. Der Kontext ist allein mit dem Pronomen klar, also ist das eigentlich ein Klarheitspunkt für Koreanisch.

Die Aussprache

Für Deutschsprechende gibt es nur zwei große Neuerungen und das sind die Vokale 어 und 으. Ersterer ist in manchen deutschen Dialekten gebräuchlich, beispielsweise im Wienerischen „Ja eh“ oder „aber“. Das a in „Ja“ und „aber“ haben eine sehr ähnliche Färbung wie das koreanische 어, das meist als „eo“ transliteriert wird. 으, meist als „eu“ transliteriert, geht in Richtung Schwa-Auslaut z.B. beim letzten E des Worts „Liebe“. Mehr Infos gibt’s hier:

Die schönsten Seiten des Koreanischen

Auch wenn ich sehr wenig Zeit für’s Lernen und noch weniger Gelegenheiten zum Sprechen habe, sind mir einige Wörter doch ans Herz gewachsen. Mein erstes Lieblingswort war 돼지/dwedschi (das Schwein), weil es einfach ein sehr natürliches Wort für dieses Tier ist. Wenn ich dwedschi höre, kann ich mir gut ein Schwein vorstellen, wohingegen das Wort „Schwein“ eigentlich nichts mit dem Tier zu tun hat. Die Wörter mit „i“ haben es mir generell angetan. 고영이/koyeongi (die Katze) und 엉덩이/eongdeongi (der Hintern) sind weitere herrliche Beispiele. Irgendwie fühle ich hier eine natürliche Verbindung zwischen Objekt und Namen :-).

Das chronologisch nächste Lieblingswort wurde 순살마늘간잔치킨/sunsalmaneulkanchanchicken, das heißt „Ausgelöstesknoblauchsojasoßbackhendl“. Erstens, weil es herrlich schmeckt und zweitens, weil es das erste längere Wort war, das ich unfallfrei herausgebracht habe.

Mein aktuelles Lieblingswort ist ein sehr kurzes: 점/tscheom. Direkt übersetzt heißt es bloß „Punkt“. Punkt Punkt Punkt als eine Art von „undsoweiter“ heißt somit auf koreanisch tscheomtscheomtscheom. In verschiedenen Kombinationen bekommt es aber auch eine geografische Bedeutung: 김밥점/gimbaptscheom ist ein Restaurant, wo man Gimbap bekommt (alles zu Gimpab siehe hier).

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