Über alte und neue Kathedralen

Notre Dame brennt fast nieder und macht aus Großindustriellen Renovierungsfinanciers im Wert von einer Milliarde Euro. Über den Inhalt kultureller Symbole in Frankreich, Korea und anderswo.

Historische Götzenbilder

Seit Anbeginn der Menschheit ergötzt sich unsere Spezies am Aufbau scheinbar sinnloser, aber einzigartiger und beeindruckender Symbole.

  • Dienten die Pyramiden wirklich nur der Bestattung der Pharaonen? Hätte es nicht ein besseres Hügelgrab auch getan?
  • Warum erbaut man um einen katholischen Altar herum ein Monstergebäude, wie die Notre Dame, wenn es doch – laut Altem Testament – auch mit einem Steinaltar in der Wüste oder – laut Neuem Testament – an einem zufälligen Seeufer geht.
  • Warum beeindruckt das Foto der amerikanischen Flagge auf dem Mond bis heute, obwohl dort erstens NICHTS ist und zweitens die Motivation dafür lediglich ein primitiver Weitbrunzwettbewerb zwischen den USA und Russland war.

Aber die Bilder sprechen für sich:

sand desert blue sky egypt
Photo by David McEachan on Pexels.com
white concrete building
Photo by Adrienn on Pexels.com
space-station-moon-landing-apollo-15-james-irwin-39896.jpeg
Photo by Pixabay on Pexels.com

Wem hier nicht das Herz aufgeht, ist wohl extremistischer Relativist oder hat eine überzeugende Verschwörungstheorie entdeckt. Es sind Symbole der Schaffenskraft des Menschen. Und sie erzählen vom Streben nach perfekter Schönheit, von Kreativität, von unerschütterlichem Glauben, Abenteuerlust oder Erfindergeist und der Zähmung des natürlichen Chaos.

Auch abseits von Architektur und Technik ließen sich viele symbolkräftige Beispiele finden.

Die magischen Orte der Welt

Was sind die meistbesuchten von Menschen geschaffenen Sehenswürdigkeiten und markantesten Gebäude der Welt? Paris allein hat schon viele davon (Eiffelturm, Notre Dame, Louvre), Ägypten eben die Pyramiden, Kambodscha hat sein Angkor Wat, Amsterdam hat die Kunstwerke van Goghs, Wien hat Kirchen, Opern und Hundertwasser. Korea seine Tempel und Paläste:

Und dann gibt es hier auch noch das:

20190407_144730.jpg

Lotte World Tower – Ein Antibeispiel?

Ein weiteres Monument von Glauben, Kreativität und Fortschritt? Nicht direkt. Der Lotte World Tower in Seoul ist aktuell Koreas höchstes Gebäude und das fünfthöchste der Welt (555 Meter). Innen drin findet sich kein Altar, keine Kunst, keine Kreativität, sondern laut Wikipedia folgendes:

  • Aussichtsplattformen (Etage 117-123)
  • Das sechssternige Signiel Seoul Hotel (Etage 76-100) mit Preisen bis zu 20.000 Euro pro Nacht (24 Mio. Won)
  • Die Signiel Residence Apartments (Etage 42-71) mit einem Quadratmeterpreis um die 20.000 Euro (23 Mio. Won)
  • Büros (Etage 105-114 und 14-38)
  • Einkaufszentrum (Etage 1-12)

Rundherum gibt es einen künstlichen See mit einer Insel, auf der sich ein Vergnügungspark befindet. Irgendwo soll es auch eine Statue von Johann Wolfgang von Goethe geben; es ist allerdings nur eine Kopie jener aus dem Berliner Tiergarten.

Die Frage nach dem Sinn

Was steht beim Lotte World Tower im Mittelpunkt: Kapital? Konsum? Entertainment? Arbeit? Narzissmus? Architektur? Und wenn Architektur, gibt es auch einen Mythos, wie bei Notre Dame oder den Pyramiden? Wofür hat man Lotte World Tower gebaut: bloß so? Weil der Firmenvorstand seinen Namen auf Gebäuden sehen will? Vielleicht um Gewinne zu reinvestieren und so Steuern zu sparen? Würde man auch hier eine Milliarde Euro an Spendenangeboten innerhalb von 24 Stunden bekommen, sollte der Turm (Gott behüte!) ohne Fremdverschulden beschädigt oder zerstört werden? Wäre so etwas beim alten World Trade Center passiert, wäre es nicht durch einen kriegerischen Akt zerstört worden?

Bei Notre Dame ist es passiert. Es ist ein Haus Gottes. Unsere aktuellen „Kathedralen“ seit dem 20. Jahrhundert sind das vielleicht auch, allerdings hat sich dann die Bedeutung des Worts „Gott“ gehörig geändert. Einige Beispiele für neue Götter:

Kollektivismus

white concrete building
Photo by Yogendra Singh on Pexels.com

Finanzkapital

high angle photography of city buildings
Photo by Samuel Walker on Pexels.com

Konsum und Entertainment

architecture building shop shopping
Photo by Pixabay on Pexels.com

Irgendwas fehlt …

Mir scheint, Notre Dame ist eines der wenigen Symbole, das bleibende Kraft hat. Vielleicht sind die aktuellen Ereignisse auch ein Hinweis, dass nicht alles relativ ist, dass manche (wenige) Symbole, Kulturgüter, Mythen eine Bedeutung haben, die weit über das konkrete Objekt hinausgeht. Daraus folgt aber auch, dass Symbol und Bedeutung nicht unzertrennlich sind. Der Mythos Notre Dame kann auch ohne Notre Dame weiterleben. Aber was ist eigentlich der Mythos von Notre Dame? Aus den globalen Reaktionen geht primär hervor, dass „Schönheit“ der entscheidende Faktor ist. Nur: ist es die Schönheit des Gebäudes oder die Schönheit der Idee dahinter? Und was genau ist die Idee dahinter?

Ich freue mich über Kommentare dazu. Klicken Sie unten auf Like und schenken Sie uns Ihre Sicht der Dinge!

Besten Dank!

2 Responses

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s