Mein Sprung in den K-POP

Ich mag Gitarren. Laute Gitarren. Kaugummipop weniger. Dennoch wollte ich nach fast eineinhalb Jahren in Südkorea einmal in koreanische Popmusik eintauchen.

Ausgangslage

Eines Nachmittags habe ich ein paar Stunden Tagesfreizeit, die ich spontan für K-Pop-Immersion nütze. Meine bisherige (recht geringe) Kenntnis dieses Genres hat mich eigentlich schnell abgeschreckt. Two-Hit-Wonder Psy (Gangnam Style, Gentleman) war ganz lustig, aber nicht mehr und mit der aktuellen Supergroup BTS konnte ich nie etwas anfangen.

Eines vorne weg: BTS wird mir trotz ihrer zugegeben beeindruckenden Erfolgskurve nach dem heutigen Tag nicht näher gekommen sein, allerdings habe ich aus der Vergangenheit und Gegenwart des Genres dann doch die eine oder andere Perle ausgraben können. Einen Künstler höre ich jetzt sogar regelmäßig. Das heißt: auch ein Rock- und Songwriter-orientierter Musikliebhaber kann zwischen all dem Kaugummipop seine Nische finden.

Die dazugehörigen Videobeispiele gibt es weiter unten.

Die Geschichte des K-Pop

Bei den meisten Musikgenres steht man vor endlosen Debatten, wenn man den oder die Erfinder identifizieren will. Bei K-Pop ist das ganz klar: Koreanischer Pop hat einen Vater und einen Geburtstag. Der Name des Vaters lautet Seo Taeji. Dieser war zunächst ab Mitte der 80er bei der (äußerst mittelmäßigen) Hard Rock Band „Sinawe“ tätig, entdeckte Anfang der Neunziger aber den Hip Hop für sich und gründete das Trio „Seo Taeji and the Boys“. Am 15.08.1992 trat die Band in einer Musikshow des koreanischen Fernsehens auf. Ihr dargebotener Song „Nan arayo“ (Ich weiß …) wurde von den ultrakonservativen TV-Kritikern mit der schlechtesten Bewertung des Tages verrissen, vom Publikum aber begeistert aufgenommen. Zurecht, denn der Song ist ein unwiderstehlicher Ohrwurm und wird in einem sehr kultigen Video präsentiert:

Der Rest ist sozusagen Geschichte. Die Band wurde zu einem Megaseller in Korea und veröffentlichte vier Alben, bevor man sich 1996 trennte. Die musikalische Ausrichtung schwankte wild zwischen Heavy Metal, Funk, Rap, Pop und Schmachtballaden. Ein bisschen Nepp war aber auch dabei: beim Debütalbum gab’s den Superhit Nan arayo gleich zweifach zu hören (koreanisch und englisch), für „Rock ’n‘ Roll Dance“ klaute man plump bei AC/DC und auch die Thrash-Metal Band Testament meldete zwischendurch Plagiatsvorwürfe an.

Während Bandleader Seo weiterhin als Musiker aktiv ist, wurden seine beiden Compagnions später zu Produzenten und Labelbossen und waren maßgeblich an der Gestaltung des K-Pop Genres beteiligt.

Das System K-Pop

Eine Kurzfassung: Aktuell werden Burschen und Mädels ab dem niedrigen Teenageralter für eine Sanges- und Tanzkarriere rekrutiert. Nach erfolgreichem Casting kommen diese in spezielle Schulen, wo sie vor allem Gesang, Tanz, Öffentlichkeitsarbeit und Englisch lernen. Produzenten stellen dann aus diesem Talentepool immer neue Girlgroups und Boygroups zusammen, manchmal sehr erfolgreich, manchmal weniger. Diese Produzenten und ihre Labels behalten den Großteil des eingenommenen Geldes. Wirklich reich dürften K-Pop-Artists nicht werden. Im Gegenteil: regelmäßig gibt es Berichte über elendslange Knebelverträge, Psychoterror und sexuelle Ausbeutung.

In den letzten beiden Jahren haben die Selbstmorde der Sänger Jong-Hyun und Seo Minwoo und die aus den USA kommende #metoo-Bewegung einige Veränderungen erzwungen, aber ein Honiglecken ist die Branche wohl immer noch nicht. Der einzige Weg zum echten Megastar ist der Ausbruch aus einer Band in eine erfolgreiche Solokarriere.

Dennoch: Koreaner, die meisten anderen Asiaten und zunehmend auch der „Westen“ lieben ihren K-Pop. Die Boygroup BTS erreichte 2018 als erste koreanische Band die Spitzenposition der US-amerikanischen Albumcharts.

Meine Top Drei (plus 1)

Wonder Girls – Nobody: Ein guter Song und ein herrliches Video machen eine gute Mischung :-).

 

Crayon Pop – Ba Ba Ba: Der passendste Bandname für das Genre (zu Deutsch „Ölkreidenpop“) und ein ungewöhnlich simples Video, das DEN Schwerpunkt des K-Pop eindrucksvoll beweist: Choreographie. Einer dieser primitiven Ohrwürmer, wo man sich fast entschuldigen muss, wenn man ihn vor sich hin summt.

 

Taeyeon – „11:11“: Definitiv der beste K-Pop-Song, den ich bisher gehört habe. Leider stilistisch eine Eintagsfliege bei der Künstlerin.

 

Und weil ich gerade sehe, dass in dieser Liste keine Boyband ist, liefere ich doch noch etwas von BTS nach. Weil sie sogar in Österreich schon eine Fangruppe mit Twitter-Account haben. Ein Song, der hierzulande aus fast jedem Straßenlautsprecher dröhnte und der Band zum Durchbruch in den USA verhalf. Ob es an der Musik lag oder an  zeitgeistadäquat androgynen Performern samt Egomanie-Refrain („You can’t stop me loving myself!“) sei mal dahingestellt.

 

Einige interessante Links

 

1 Response

  1. Danke für den ausführlichen Bericht. Finde ich witzig, dass sie in den „speziellen“ Schulen, dann auch erst mal Englisch lernen, aber zeigt nur, dass wenn sie was vermarkten wollen, dann so, dass es gleich auf der Welt Erfolg hat und dafür ist Englisch nun mal praktisch ein Garant.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s