Über Sinn und Unsinn von Tagespolitik

Einst in Österreich habe ich politisches Tagesgeschehen aufgesaugt, wie ein Schwamm. Jetzt in Korea hindert mich die Sprachbarriere daran, was mir aber einen überraschenden Anstieg an Lebensqualität bringt.

Mögest du in interessanten Zeiten leben!

Chinesische Verwünschung

Anmerkung: Dieser Text entstand lange vor der aktuellen österreichischen Regierungskrise. Ich habe keine Veränderungen/Aktualisierungen vorgenommen.

Keine Zeit

Der Legende nach soll Sigmund Freud einmal sinngemäß folgendes gesagt haben: „Bevor Sie Psychotherapie in Betracht ziehen, vergewissern Sie sich, dass Sie nicht von lauter A****löchern umgeben sind.“ Die Hauptfunktion des politischen Diskurses ist es heute jedoch leider, seine Teilnehmer als die zuvor genannten hinzustellen. Das führt zu der Situation, dass man einem ständigen Neurosentriggering ausgesetzt ist. Vielleicht war auch die Neurose als erstes da und der niederträchtige politische Diskurs folgte ihr. Henne oder Ei? Aktion oder Reaktion? Keinen interessiert’s mehr und selbst wenn, hätte dieser jemand keine Zeit mehr zum Nachdenken. Das Suhlen in der politischen Dummheit, die vielleicht lediglich Menschheit ist, verlangt ständig neue Zeitinvestitionen.

Und so sitzt man vor Online-Zeitungen, YouTube-Kanälen, rechten Blogs, linken Blogs, glotzt Staatsfunk und grübelt nicht einmal mehr, ob die Welt untergeht oder nicht, sondern nur noch, ob man den Untergang denn noch hinauszögern könnte.

Der amerikanische „Experte für eh alles“, Steven Pinker, machte einen Alternativvorschlag: Statt „Welt geht (schon wieder) unter“ sollten Zeitungen die Schlagzeile „Zahl der Menschen in extremer Armut seit gestern um 137.000 gesunken“ bringen. Diese Schlagzeile sei an jedem einzelnen Tag während der letzten fünfundzwanzig Jahre richtig gewesen. Nur: keinen interessiert’s – only bad news are good news. Vielleicht. Die Leserschaft aller Printmedien schrumpft, die großen TV-Flaggschiffe der guten alten Zeit saufen ab. „Wetten, dass …“ das Fernsehen bald niemanden mehr interessiert? Und wäre das good news oder bad news?

Eine Studie über die Seherschaft des Österreichischen Rundfunks (ORF) brachte zu Tage, dass politisch Links stehende Menschen hohes Vertrauen in dessen Berichterstattung haben, politisch mitte-links, mittig, mitte-rechts und rechts stehende Menschen (jeweils nach Selbsteinschätzung) aber zunehmend weniger Vertrauen. CNN oder die New York Times in den USA sind von ganz ähnlichen Vorwürfen heimgesucht. Das kann kein Zufall sein. Lügenpresse oder nicht, aber undogmatische Geister finden sich immer weniger in den traditionellen Medien, sondern mehr und mehr auf YouTube. Dort gehören stundenlange Diskussions-/Gesprächsformate zu den populärsten Kanälen. Natürlich gibt es auch auf YouTube äußerst streitbare Ideologen (ob man diese sperren sollte, ist eine Diskussion für sich), aber zwischen all den Säuen findet man ein paar Perlen.

We’re all living in Amerika …

Es ist ein Effekt der Globalisierung und des (relativ) freien Ideen-Marktes, dass speziell Twitter und YouTube zu globalen Diskursplattformen wurden. Leider (noch) nicht auf Deutsch, aber die meisten halbwegs gebildeten Weltbürger sprechen gut genug Englisch, um ein amerikanisches YouTube Video zu entschlüsseln und die amerikanische Kultur ist bekannt genug, um viele kulturelle Referenzen zu erkennen. Die besten Ideen werden populär. Und die populärsten Kanäle drehen sich nicht mehr nur um Justin Bieber und junge Katzen, sondern um Moral, Sinn, Wahrheit, Selbstverantwortung, also um Themen für die Politik bereits viel zu sprunghaft und Kirche viel zu irrelevant geworden ist.

Dazu passt der umstrittene britische Philosoph Sir Roger Scruton, der einmal sinngemäß meinte, man müsse in der Politik weg von „Wir müssen handeln …“ und hin zu „Lasst uns zögern …“.

Postskriptum

Nicht gezögert habe ich bei der gerade laufenden EU-Wahl. Meine Wahlkarte befindet sich schon in der Post. Durch die moderne Technik kann ich auch in Korea österreichische TV-Konfrontationen und Hintergrundberichte ansehen – durch die Distanz sogar zielstrebiger und effektiver. Aber jetzt wird es wieder Zeit für vernünftige Diskussionen. Auf zu den YouTube-Kanälen!


Was denken Sie darüber? Ich freue mich auf ein paar Likes und Kommentare!

Links

New Yorker: „Are things getting better or worse?“

Die Presse: „Politisch Rechte haben weniger Vertrauen in den ORF als Linke

Andreas Unterberger: „Fast nur noch Linke vertrauen dem ORF“ (mit genauen Zahlen vom SORA Institut).

 

 

 

 

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