Drei Tage bei Zen-Meistern

Einen Teil meines letzten Urlaubs verbrachte ich im Zen-Tempel Mihwangsa in Koreas Süden. Ein Rückblick.

07. Mai 2019

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Lieber hier, als im Dorf.

Gegen neun Uhr komme ich mit dem Intercity-Bus aus Mokpo in Haenam an und werfe mich ins tröpfelnde Stadtleben. Nachdem ich 20-30 Minuten lang nichts Interessantes finde, kehre ich im Café Droptop auf Americano und Apfelsaft ein. Laut Tempel-Homepage fährt um 10:50 Uhr einer der wenigen direkten Verbindungen zwischen Haenam und Mihwangsa und obwohl eine Ankunft gegen 16 Uhr empfohlen wird, entscheide ich mich aus Alternativlosigkeit für die frühere Fahrt. Lieber hocke ich drei, vier Stunden in Wald herum, als in einer öden Provinzstadt.

Der 10:50-Bus fährt schließlich um 11:10 Uhr ab, holpert eine Stunde lang durch einsame Dörfer und menschenleere Agrarlandschaften Richtung Tempel und speit mein ungerührtes, aber gut geschütteltes Selbst vereinbarungsgemäß vor der Eingangspforte aus.

Im Tempelbüro verfällt man ob der Ankunft eines Ausländers in leichte Aufregung und ordert eiligst die Nonne Khema herbei, ihres Zeichens Zuständige für ausländische Gäste. Von ihr werde ich zunächst zu einem verspäteten Mittagessen gebeten und wir vereinbaren dann eine „Tempeleinschulung“ für 17 Uhr. Bis dahin teste ich ein wenig die zur Verfügung gestellte und sogar ausreichend große Tempelkluft, schnüre die Wanderschuhe nach und schlage mich in die Berge.

Anmerkung: Die Anfahrt zum Tempel lässt sich von Seoul relativ unkompliziert schaffen. Dazu nimmt man in der Hauptstadt einen Expressbus nach Haenam und dann den nächsten Bus direkt zum Tempel. Die Gesamtreisezeit beträgt so etwa sieben Stunden. Es gibt nur eine Handvoll Verbindungen pro Tag.

17 Uhr – Offizieller Programmstart

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Alles beginnt in der Dharma-Halle (Vordergrund)

Ich bekomme eine halbstündige Einschulung in den Gründungsmythos des Mihwangsa-Tempels (dieser inkludiert Seefahrer und eine magische Kuh) und in Tempeletikette. Besonders wichtig ist, sich richtig zu verbeugen. Nach dem Eintritt in einen Tempel muss man sich folgendermaßen verhalten:

  1. Noch bei der Seitentür (das Haupttor ist Mönchen vorbehalten) Hände vor der Brust falten und leicht verbeugen.
  2. Dann bei Bedarf ein Sitzkissen holen und eher hinten oder seitlich, niemals direkt vor dem Buddha, platzieren.
  3. Drei volle Verbeugungen durchführen. Dabei berühren Knie und Stirn den Boden.
  4. Ohne Zuhilfenahme der Hände aufstehen.
  5. Während der dritten Verbeugung kann man für ein Stoßgebet kurz innehalten. Dafür gibt man die gefalteten Hände zwischen Boden und Stirn.

An Punkt 4 scheitere ich ein ums andere Mal gnadenlos.

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Die vorbereitete Dharma-Halle

Hose und Weste in schickem Tarn-Grau werden vom Tempel zur Verfügung gestellt und sollen auf dem Tempelgelände auch stets getragen werden. Zum Wandern kann man natürlich die mitgebrachte Funktionskluft auspacken.

Abendprogramm

Um Punkt 18 Uhr ruft ein Mönch mit Trommeltönen zum Abendgesang. Dort werden etwa eine halbe Stunde lang buddhistische Gebote und Gebete wahlweise gesungen oder aufgesagt. Es gibt für mich Informationsmaterial über diese Texte auf Englisch. Anwesend sind insgesamt 13 Teilnehmer einer „Intensiv-Zen-Woche“, eine handvoll Mönche/Nonnen und zwei reguläre Templestay-Gäste.

Um 19 Uhr gibt es Abendessen. Tempel-Speisen sind durchgehend vegan und schmecken großteils gut. Allerdings wiederholt es sich gern. Einmal gibt es dieselbe Suppe drei Mahlzeiten hintereinander. Kein großes Problem, aber man merkt, dass für Zen-Buddhisten das Essen reine Nährstoffaufnahme ist.

Nach dem Abendessen gibt es Gelegenheit für „Dharma-Talk“, d.h. eine Art Glaubensdiskussion über ein paar Tassen Tee mit einem Mönch oder einer Nonne. Meine zwei längeren Gespräche mit der einzigen anglophilen Bewohnerin Khema waren äußerst interessant.

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Beim Grüntee habe ich mich etwas gehen lassen. Meine Gesprächspartnerin schüttete auch zu dieser späten Stunde noch mehrere Tassen in sich hinein, weshalb ich da höflichkeitshalber nicht nachstehen wollte. Der Ritus der – in ihrem Detailreichtum großartigen – Teezeremonie sieht auch mindestens drei Tassen pro Person vor. Leider hat sich der Tee sehr schlecht auf meinen Schlaf ausgewirkt. Einen Tag später habe ich dann um einen teeinfreien Tee gebeten und Maulbeertee serviert bekommen. War kein Problem und auch gut.

Gegen 21 Uhr abends werden alle Aktivitäten und Gespräche beendet und man bereitet sich auf die Nacht vor. Nach Tempel-Richtlinie sollte spätestens ab 22 Uhr „Dunkelheit und noble Stille“ herrschen.

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Bitte keine Illusionen über eine allzu angenehme Nachtruhe machen: abgesehen von der allabendlichen Teezeremonie schläft man im Tempel ganz traditionell-koreanisch auf recht dünnen Bodenmatten. Unbedingt zwei Matten verwenden! 🙂

2. Tag: 08. Mai 2019

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Die erste Holzperkussion des Tages erklingt um 5:00 Uhr Früh. Danach hat man rund 20 Minuten Zeit, um sich erneut in die Dharma-Halle zu begeben, wo um 5:30 Uhr der Morgengesang  beginnt (gefühlt identisch zum Abendgesang), gefolgt von Morgenmeditation. Alles zusammen dauert gut 45 Minuten.

Zu Beginn des Morgengesangs muss ich ein fettes Grinsen unterdrücken. Zu meiner absoluten Freude stelle ich fest, dass die Mönchsgelenke bei den drei Verrenkungen, äh Verbeugungen, genauso laut knacksen, wie die meinen.

Um 6:30 Uhr ist wieder Gelegenheit, den Hunger zu stillen. Frühstück ist das interessanteste Mahl des Tages, da zum Üblichen (Reis, Tofu, Gemüse, Obst) auch noch Juk serviert wird. Das ist ein wässriger salziger Reisbrei.

Arbeitsmeditation

Um 07:30 Uhr startet der letzte offizielle Tagesordnungspunkt für Templestay-Gäste. Im Haupthof erklingt wieder die typische Holzperkussion und von allen Ecken des Tempels strömen Menschen herbei. Die Leute werden irgendwohin geführt, um ein bisschen zu arbeiten. An meinem ersten Tag schälen wir in der Küche gut dreißig Minuten lang Gemüse.

Die folgende Vormittagsfreizeit nutze ich zu einem Waldspaziergang und eine Tasse Kaffee im Tempelshop. Letzteres sollte man eigentlich nicht machen, allerdings merke ich am späten Vormittag schon die Auswirkungen meines Schlafentzugs und hatte eine Tasse Kaffee dringend nötig. Im Tempel selbst gibt es niemals Kaffee.

Mit dem Mittagessen um 11:30 Uhr geht dann mein erster Tageszyklus zu Ende. Ich habe aber für zwei Nächte gebucht und mache von all dem bisher erwähnten noch einen zweiten Durchgang.

Den Nachmittag des zweiten Tages verbringe ich müdigkeitsbedingt mit dösen, fotografieren und lesen. Zu meiner großen Überraschung gibt es eine ziemlich große Auswahl englischsprachiger Literatur zum Thema Buddhismus. Ich lasse mir ein Buch empfehlen und klemme mich dahinter.

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Pflichtlektüre im Zen-Tempel?

Auch für eine Runde Verbeugungen finde ich noch Energie. Während man beim Tempeleintritt mit drei Verbeugungen auskommt, umfasst das volle Prozedere 108 Verbeugungen. Dies macht man allerdings nicht in der Gemeinschaft, sondern für sich alleine. Ich nehme diese schon ziemlich sportliche Herausforderung an und schaffe am Nachmittag – in drei Etappen – die 108 Verbeugungen. Wer besonders viel Buße tun will, muss übrigens 3.000 Verbeugungen machen. Das ist dann schon auf Opus Dei-Selbstgeißelungsniveau oder zumindest Yoga für Fortgeschrittene.

Abends läuft alles wie am Vortag, nur dass ich durch den Maulbeertee viel besser schlafen kann.

Letzter Tag

Der dritte Tag beginnt exakt wie der zweite, nur dass die Arbeitsmeditation nicht mit Gemüseschälen, sondern mit Unkrautjäten zugebracht wird. Während der Vormittagsfreizeit mache ich mit Khema und einem jungen Mönch (18 Jahre, Plappermaul, smartphoneaffin und trotzdem Zen-Mönch!) einen Spaziergang zu einer nahegelegenen Einsiedelei und anschließend habe ich Gelegenheit zu einem Dharma-Gespräch mit dem Herrn Abt höchstpersönlich. Es entspinnt sich eine sehr interessante Diskussion.

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Klein, aber oho! Meine Handposition ist leider falsch: die rechte gehört über die linke Hand.

Über all die Gespräche mit Nonnen, Mönchen und Äbten und meine Gedanken zu Buddhismus (und Christentum) schreibe ich aber erst nächste Woche.

Bis dahin: Möge das Zen mit euch sein!

Weitere Photos

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