3 Geschichten aus dem Zen-Tempel

Während meines Templestay in Mihwangsa hatte ich Gelegenheiten mit Berufs-Zenbuddhisten zu sprechen. Ein Rückblick auf meine Unterhaltungen.

1. Geschichte: Der Missionar und die Unerlösbaren

Vor einigen Jahren traf ich während einer Backpacker-Reise in Laos einen christlichen Missionar. Auf einem Markt in Paksé sah ich einen jungen Mann, der eine Marktfrau an den Händen hielt und dabei einige Worte sprach. Im ersten Moment dachte ich, es wäre eine Art New Age/Yoga Sache. Ich sprach den Mann an und er erklärte mir, dass er die Marktfrau gesegnet habe. In weiterer Folge setzten wir uns über zwei großen Drachenfrucht-Smoothies zusammen und unterhielten uns fast zwei Stunden lang über Gott und die Welt.

20161130_121131
Paksé

Ich hätte mich damals wohl als Agnostiker beschrieben und war überrascht darüber, einen tief gläubigen Menschen Anfang 20 zu treffen. Doch letztendlich verstanden wir uns sehr gut und hatten interessanter Weise viele ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir teilten auch eine Erfahrung mit einem ganz bestimmten „Erlösungsgefühl“. Dieses fühlte er – ganz nach Vorschrift – beim Lesen der Bibel, ich allerdings beim Musizieren und Songschreiben. Neben all diesen Gemeinsamkeiten hatten wir auch große Auffassungsunterschiede, beispielsweise beim Thema Leben nach dem Tod.

Was hat das alles mit Buddhismus zu tun? Nun, Laos ist hinter all dem Kommunismus ein buddhistisches Land und irgendwann fragte ich: „Warum lässt du die Leute hier nicht einfach Buddhisten sein.“ Das könne doch auch nicht so schlecht sein. Seine Antwort: Der buddhistische Weg der Erlösung sei unmöglich zu gehen. Selbst Religionsgründer Buddha habe lange Zeit benötigt, um zur Erleuchtung zu kommen und so müsse für „Normalsterbliche“ der Weg zur Erlösung unendlich lang sein – und ist damit unerreichbar.

Die buddhistische Replik

Während meines Templestay erzählte ich diese Geschichte einer Nonne und bat sie um ihre Sicht der Dinge. Zunächst lachte sie laut auf. Nicht Erlösung sei das Ziel, sondern das Streben nach Erlösung. Das Streben nach dem guten Leben. Wer zu sehr an das Ende denkt, vergisst die Gegenwart.

Als ausgelutschte Metapher formuliert: Der Weg ist das Ziel. Oder wie ich vor ein paar Monaten in meinem Artikel „8 Weisheiten aus dem Zen-Garten“ schrieb: Das Zen ist kein wo, sondern ein wohin.

Auch für Buddha waren die Frage „Woher kommen wir?“ und „Wohin gehen wir?“ inakzeptabel. Meinen bisherigen Recherchen zufolge, wurde er von seinen Schülern manchmal zu einer Antwort gedrängt, hat aber immer den Fokus auf das Jetzt gefordert.

Und das führt uns auch gleich zur nächsten Geschichte:

2. Geschichte: Der Wein ist aus? Ich mach das schon.

Alle Religionen geben ihren Anhängern ein Bild vom idealen Leben. Diese Ideale unterscheiden sich teils deutlich, aber ich wage zu behaupten, dass es zwischen Buddhismus und Christentum kaum Unterschiede gibt. Beide Religionsgründer empfinde ich als pazifistisch, zurückgezogen und asketisch, aber andererseits selbstbewusst, rhetorisch begabt und genussvoll. Bei Buddha ist letzteres schon bei seinen dickbäuchigen Statuen offensichtlich und auch in Evangelien und christlicher Liturgie ist das Essen und Trinken zentral.

priest holding hostia
Photo by Pixabay on Pexels.com

Unter dieser Voraussetzung finde ich den völligen Verzicht auf tierische Lebensmittel und Alkohol innerhalb des Buddhismus äußerst faszinierend. Dem Abt des Mihwangsa-Klosters legte ich meine amateurhafte Sicht mal wie folgt klar: Buddhismus ist Christentum ohne Gott und Alkohol. Vielleicht konnte und wollte der Buddhismus deshalb die Frage „Woher kommen wir?“ nie beantworten. Die Antwort kann nur eine „b’soffene G’schicht'“ sein.

Es gibt die Mutmaßung, dass einzelne Bibelpassagen die Einnahme psychedelischer Substanzen oder deren Effekte umschreiben: der brennende Dornbusch zum Beispiel oder die gesamte Offenbarung des Johannes. Und wenn wir Alkohol hier auch dazu zählen, dann kommt sogar das Herzstück des christlichen Glaubens – „Dies ist mein Blut.“ – dazu: das Abendmahl. Gibt es eine Verbindung zwischen Offenbarungsreligion und Rausch einerseits und Vernunftsphilosophie und Askese andererseits? Meine Theorie: der Rausch hilft beim Eintritt ins Transzendentale. Die Replik des Abts: Ja, eh. Aber nicht auf Dauer und im schlimmsten Fall kommt der Räuschige in eine „falsche“ Transzendenz. Meditation ist von Dauer. Und dann legte er ganz dick nach: „Wer anderen Menschen Alkohol anbietet, ist ein schlechter Mensch.“ „Vielleicht.“, denke ich mir insgeheim, allerdings: Welches Land hat nochmal den höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum der Welt? Ja, genau. Südkorea – angeblich doppelt so hoch wie Russland.

Pure Rationalität führt vielleicht nur eine kleine Minderheit zur Erlösung: laut Aussagen der Tempelbewohner gibt es in Südkorea nur noch ein paar hundert Mönche und Nonnen. Die christlichen Kirchen andererseits, insbesondere Freikirchen, erfreuen sich teils regen Zulaufs.

 

3. Geschichte: Der Dalai Lama ist eh ganz lieb

20190508_175415.jpg

Im Westen wird Buddhismus oft als eine zusammenhängende Philosophie wahrgenommen. Das liegt auch an der Beliebtheit des Dalai Lama. Jedoch: dieser ist kein buddhistischer Papst, sondern tibetanisches Religions- und Staatsoberhaupt. Der in Korea und Japan verbreitete Zen-Buddhismus bringt ihm zwar einen gewissen Respekt entgegen, ist allerdings völlig selbstständig. Innerhalb des Zen-Buddhismus gibt es noch weitere Unterschiede, bespielsweise dürfen Mönche in Japan heiraten, in Korea jedoch nicht.

Das führt uns gleich zu einem weiteren Klischee über den Buddhismus: Wiedergeburt. Viele haben bei diesem Wort das – eigentlich rein tibetanische – Prozedere nach dem Tod des Dalai Lama im Kopf. Wenn er stirbt, sucht die Priesterschaft nach einem Neugeborenen, das ähnliche körperliche Merkmale hat und dieses ist dann der reinkarnierte Religionsführer. An diese körperliche Wiedergeburt glaubt man in Korea nicht und verfolgt stattdessen eine eher naturalistsche Interpretation: Nicht Lebewesen sterben und werden wiedergeboren, sondern die Lebenskraft der Welt arbeitet immer weiter. Ein Lebewesen wird geboren, entwickelt sich und stirbt. An seine Stelle tritt ein anderes, neu geborenes Lebewesen, das sich wiederum weiter entwickelt und stirbt. Soll heißen: Nicht einzelne Personen werden wiedergeboren, sondern Leben auf Erden erneuert sich.

20190507_183737.jpg

Klingt eigentlich überzeugender, oder?

 

Da dieser Text insgesamt sehr lang war, liefere ich die vierte Geschichte nächste Woche nach. Das Thema wird „Ärger“ sein.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s