Geschichten aus dem Zen-Tempel II: Mensch, ärgere dich nicht!

Die Achillesferse des Buddhismus ist sein Gleichmut.

Ruhig Blut!

In vielen ostasiatischen Kulturen bringt laute Emotion in der Öffentlichkeit den totalen Statusverlust. Jemand, der seinem Ärger auch mal Luft macht, wird im besten Fall als schwierig und im schlimmsten Fall als Persona non grata eingestuft.  Welche Kultur ist besonders direkt mit ihrem Ärger? Richtig, der Großteil Europas. Ein nettes Beispiel brachte meine Arbeitsstätte: Bei einem Mittagessen kam die Sprache mal auf (deutsche) Abteilungsleiter/innen mit denen koreanische Mitarbeiter fallweise Probleme haben. Ich bohrte nach: Welche Probleme? „Kannst du dich noch an Situation X erinnern, da hat X dann vor allen herum geschrien.“ Sofortiger Kulturunterschied: Die anwesenden Koreaner reagierten mit Fassungslosigkeit, mir war die betreffende Person sofort noch sympathischer. Was gebe es denn auszusetzen, wenn jemand sein Herz auf der Zunge trage (auch im Guten, wohlgemerkt). „Das darf man in Korea nicht!“ Aha.

Sprung in den Zen-Tempel: In einem Buch stieß ich auf einen Abschnitt zum Thema Ärger. Im Buddhismus sind Emotionen insgesamt eher igitt, als Vorgehensweise für Ärger wird empfohlen, ihn innerlich aufstauen und von selbst vergehen zu lassen. Nichts ist von Dauer: Glück genauso wenig, wie Ärger.

Ironischer Weise ärgerte mich diese Einstellung. Ich fragte den Herrn Abt, was denn das Problem mit direkter Kommunikation sei? Bei einem Streit konzentriere ich mich – so gut das geht – auch nicht auf den Ärger, sondern auf den Inhalt der Kommunikation. Vielen, insbesondere männlichen Kindern, wir auch eingetrichtert ihre Gefühle doch bitte rauszulassen. Nun, das passiert dann nicht immer in verträglichen Dosen. Zusammengefasst meinte er, dass die Deutschen eben Deutsche und die Koreaner eben Koreaner bleiben. Wenn beide zusammen arbeiten müssen, dann hätten beide aufeinander zu zu gehen.

Hört. Hört. Keine Spur von Nationalismus? Ich war verblüfft. Der Tenor unter den mir bekannten Koreanern lautet eher, Ausländer hätten sich anzupassen. Das kann ich auch irgendwie nachvollziehen, aber vielleicht ist es in Anbetracht der unterschiedlichen Kommunikationsweisen einfach zu schwierig.

Wer das Negative verwehrt, ignoriert das Positive

Das Thema Emotion im Buddhismus ließ mich nicht mehr los – welch Ironie! Meine Internetrecherche brachte ein Interview mit dem Buddhismus-Forscher Paul Williams zutage. Er war lange Zeit Buddhist, konvertierte dann aber desillusioniert zum Katholizismus. Eine Passage aus dem Interview möchte sich hier zitieren:

Im Gegensatz zur jüdisch-christlichen Gemeinschaft zielt der Buddhismus auf totale Selbstgenügsamkeit. Alle buddhistischen Traditionen sind sich außerdem einig, dass das „nirvana“ ein Zustand der Freiheit von allem Leiden ist. Papst Benedikt dagegen betont, dass Liebe notwendigerweise die Möglichkeit des Leidens beinhaltet. Daraus würde folgen, dass die erleuchtete Person im Buddhismus nicht liebesfähig ist. Wenn ein Buddha nicht leiden kann, dann ist er schlicht unfähig sich verletzlich zu machen und folglich unfähig, ein Risiko einzugehen, wie es wahre Liebe notwendig macht. Indem der Buddhist das Ende allen Leidens zum Ziel macht, muss er auch das Ende der Liebe zum Ziel haben.

Link zum Interview (diepresse.at)

 

Die beiden Weltanschauungen gleichen sich manchmal, ergänzen sich manchmal und widersprechen sich auch manchmal.

1 Response

  1. Oh. Dann würde ich in Korea wohl eine besondere Form einer “Persona non grada” sein. Ich mache mir meinen Ärger oft (verbal) Luft und trage mein “Herz auf der Zunge”. Aber auch hier in Deutschland fährt man nicht immer gut damit und trifft auf viel Unverständnis. War lange nicht mehr hier. Das Bloglayout hat sich verändert und sieht interessant aus. Wenn ich wieder mehr Zeit habe, werde ich mal wieder interessante Blogs, wie den Deinen besuchen. Grüße aus den heißen Deutschland. Nächste Woche erwarten wir Temperaturen an die 40 Grad. Schönen Sonntag!

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