Ein Café aus der Hölle

Bei so vielen Cafés in Südkorea muss es zwangsläufig ein paar Schlechte geben.

Mein persönliches Horrorcafé

Nach dem Eintritt fällt der interessante Kontrast aus wenigen Gästen, aber trotzdem lauter Hintergrundmusik auf. Natürlich K-Pop, oft BTS: „You can’t stop me loving myself!“ Schön für dich, aber lass mich jetzt in Frieden.

Die Menütafel bewirbt schmackhaft benannte Dinge. Ich bestelle einen Iced Americano, „Plain Yoghurt“ (zu Deutsch Joghurt ohne alles), Käsebagel und einen Becher mit frischen Früchten. Leider gibt es in diesem Café keinen Buzzer (ein Gerät, das vibriert, wenn die Bestellung abholbereit ist) und die Gäste müssen auf ihre Augen und Ohren vertrauen.

Die Wartezeit eignet sich gut für einen Toilettengang, jedoch gibt es das stille Örtchen nur für Damen. Auf Nachfrage dirigiert mich eine genauso junge, wie apathische Barista-Frau verbal aus dem Café hinaus, fünfzig Meter nach links und dann wieder nach links in die öffentliche Toilette eines Bürogebäudes (keine Seltenheit in Korea). Dort angekommen stehe ich vor einer verschlossenen Klotür mit PIN-Code-Schloss – leider ein neuer Trend. Beim letzten Besuch war das noch nicht da. Der Türcode befindet sich mittlerweile fünfzig Meter entfernt innerhalb der Metallummantelung einer blickdicht verschlossenen Rundablage auf einer zerknüllten Kaffeerechnung.

Auf Nachfrage gibt mir die sehr baristahafte Apathie-Frau den Türcode ein zweites Mal. Immerhin kenne ich jetzt den Weg.

Nach der Rückkehr ist die Bestellung bereit. Der „Plain Yoghurt“ entpuppt sich als frappéeähnliche Trink-Süßigkeit und wird sofort retourniert. Die Barista-Frau reagiert erwartungsgemäß. Ich registriere die verlorenen 4.500 Won als Deppensteuer und denke zugunsten geistiger Gesundheit nicht mal an eine Retourforderung. Der Kaffee ist auf der todgerösteten Seite (auch so ein Trend) und auf den Fruchtbecher-Weintrauben ist ein artistisch naturbelassener Stielrest, den man ohne lange Fingernägel kaum entfernen kann. Ist der zum Mitessen? Ich weiß und will nicht.

Das nächste höllische Aha-Erlebnis ist selbstverschuldet. Der Akku des Tablets steht auf 0 %. Das ist fast eine Leistung! Die Suche nach einem Sitzplatz mit Steckdose verläuft erfolglos – scheinbar haben sich die wenigen Gäste auf diese genauso wenigen Plätze konzentriert. Aus dem Augenwinkel sehe ich eine öffentliche Ladestation und wende mich ihr hoffnungsvoll zu. Keiner der fünf vorhandenen Stecker lässt mein Tablet anspringen und ich weiche zum Lesen letztlich auf das Smartphone aus (Sync-Funktion sei Dank).

Während des Lesens kondensieren ganze Wasserfälle auf der Außenseite meines Iced-Americano-Glases und triggern meinen Wischreflex. Die Suche nach einer Serviette endet allerdings erfolglos. Gibt’s die nur bei der Kassa oder was? Der Blick der Barista-Frau kommuniziert nur Leere. Ich geb’s auf. Und geh nach Hause.

Dass ich in dieser Umgebung Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ las, das sich u.a. mit Szenarien für den Untergang der westlichen Zivilisation befasst, kann fast kein Zufall mehr sein.

Nächstes Mal geht’s wieder ins Stammcafé!

 

P.S.

Das hier beschriebene Café existiert so nicht. Es handelt sich um ein Kreation meiner Vorstellungskraft, die alle Seltsamkeiten beinhaltet, denen ich in südkoreanischen Cafés begegnet bin.

Die Inspiration kam von Charles Bukowski, der einmal ein Gedicht über das perfekte Diner verfasst hat – auf YouTube gibt es eine Audioversion … gelesen von Tom Waits – und Jordan Peterson, der es durch eine witzige Beschreibung des schlimmsten vorstellbaren Cafés/Diners ergänzte.

Beide Versionen aneinandergereiht gibt es auf YouTube zu sehen (alles auf Englisch). Der interessante Teil beginnt nach 3:50 Minuten.

 

 

 

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