Gyeongju – Ein urbanes Freiluftmuseum

Gyeongju war vor Urzeiten Koreas Hauptstadt. Was hat denn die Landesgeschichte so zu bieten?

Geschichte

Nur um zu veranschaulichen, wie weit die koreanische Geschichte zurückgeht: Das älteste regional dominierende Königreich Silla existierte 57 v. Chr. bis 935 n. Chr. In den letzten rund zwei Jahrhunderten seines Bestehens beherrschte das Silla-Reich einen Großteil der koreanischen Halbinsel. Seine Hauptstadt war Gyeongju und deshalb befinden sich dort die ältesten Relikte der koreanischen Kultur. Im achten Jahrhundert haben rund eine Million Menschen in der Stadt gelebt, womit es die viertgrößte Stadt der Welt war.

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Nach Silla kam das Goryeo-Königreich (10.-14. Jhdt.) und die Joseon-Dynastie (14.-20. Jhdt.). Die jeweiligen neuen Hauptstädte waren Kaesong im heutigen Nordkorea und schließlich Seoul (damals Hanseong).

„Goryeo“ ist der Ursprung des Landesnamens Korea.

Gegenwart

Ich habe oft erzählt bekommen, dass Gyeongju schwierig zu bereisen sei, weil viele Attraktionen außerhalb der Stadt lägen. Das ist richtig, aber das koreanische Busnetz ist hier sehr gut und zur Not gibt es noch Taxis. Außerdem gelten bei Koreanern oft schon 20 Minuten Fußweg als unterträglich.

Jenseits der Geschichte ist Gyeongju eine sehr gemütliche Stadt mit kompaktem Zentrum, relativ fußgängerfreundlich und mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Szene-Cafés und Hausmannskost, herausgeputzer Hanok-Architektur und ländlichen Baracken, Stadtleben und Natur.

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Bestimmte Stadtteile sind aber äußerst überlaufen und/oder in die Sterilität renoviert.

Der Weg nach Gyeongju

Neben dem obligatorischen Fernbusterminal mit guten Anbindungen in fast alle Großstädte gibt es zwei Bahnhöfe: Shingyeongju liegt weit außerhalb entlang der Seoul-Busan KTX-Trasse, Gyeongju Station genau im Zentrum, allerdings an einer Nebentrasse. Die Züge verkehren westwärts nach Daegu (Bahnhof Dongdaegu, d.h. Ostbahnhof) und südwärts über Ulsan nach Busan (Bahnhöfe Bujeon und Shinhaeundae).

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Fahrplan nach Dongdaegu, Gyeongju ist gelb unterlegt

Für mich ging es auf der fünften Etappe meiner Korea-Zugsumrundung von Yeosu Expo nach Gyeongju. Das ging mit Umstiegen in Suncheon und Busan-Bujeon. Letzteres liegt direkt neben einem gigantischen Markt und ist damit der perfekte Bahnhof für eine kleine Reiserast.

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Was tun?

Gyeongju hat vor allem Freiluftgeschichte. In unterschiedlichen Formen.

Grabhügel

Die Hügelgräber der alten Könige (Herr der Ringe-Flashback!) liegen direkt im Stadtzentrum. Manche frei zugänglich in Parkanlagen, für manche  muss man aber Eintritt zahlen. Ich habe mich nicht intensiv mit Geschichten, Bewohnern und Inhalten dieser Gräber befasst, aber es war auch so ein sehr interessanter und absolut einzigartiger Anblick.

 

Auf dem Namsan Buddhas suchen

Namsan? Da war doch was? Genau! Den gibt’s in Seoul auch (hier nachlesen). Aber Namsan bedeutet einfach „Südberg“ und der Name ist logischer Weise genauso häufig wie unoriginell.

Der Gyeongjuer Südberg hat eine Besonderheit: es gibt unzählige Statuen, Zeichnungen und Felsgravuren des Buddha, sowie andere buddhistische Symbole. Seht mal:

Auf dem Namsan fiel mir beim Bewundern der umliegenden Landschaft auf, dass dieser Teil Koreas am österreichischsten wirkt. Bin ich bei Gyeongju oder bei Mödling … kaum zu erkennen.

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Die Wanderwege sind gut ausgeschildert und an manchen Startpunkten gibt es Park Ranger-Posten, die gerne weiterhelfen. Zwar nicht wirklich auf Englisch, Kartenmaterial ist allerdings mehrsprachig vorhanden.

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Bulguksa Tempel

Die Tempelanlage ist die vielleicht schönste Koreas. Die Lage in der Stadt, der recht hohe Eintrittspreis (7.000 Won), und die Menschenmassen bringen aber ein Charmeminus.

Ein Fixpunkt für koreanische Reisende ist der Besuch beim benachbarten Steinbuddha in Seokuram – angeblich die älteste erhaltene Buddhastatue Koreas. Dieser Ort war für mich aber ein totaler Flop, denn jede besinnliche Tempelstimmung wurde von den megafonenden Tourguides bzw. Lehrern im Keim erstickt. Das Gebäude mit dem Buddha ist überlaufen und die Statue ohne den geschichtlichen Kontext äußerst unbeeindruckend. Die dreißigminütige Wanderung auf einer Wanderautobahn ist auch nicht der Rede wert.

Im Stadtzentrum flanieren

Überraschenderweise lässt es sich in Gyeongjus Zentrum sehr gut flanieren und shoppen. Es gibt Boutiquen, Cafés, die üblichen Outlets (North Face usw.) aber alles entlang der Straßen und nicht im Shoppingcenter. Das Einkaufsfeeling ist also  europäischer, als sonstwo in Südkorea.

 

Essen und Trinken

Interessante Anekdote: Jemand riet mir vor meiner Reise von einem Besuch Gyeongjus ab. Das Essen sei einfach zu schlecht dort. Interessant! Wer sagt so etwas? Ein Mitarbeiter der Touristeninformation am Seouler Hauptbahnhof. Wer hätt’s gedacht?

Gut gegessen habe ich dann doch, wenngleich keine lokale Spezialität identifizierbar war. Dann eben koreanische Standards: absolut genial war die Kombination aus Schnitzel (Donkatseu) und scharfen Reiskuchen mit Käse (Rapoggi), die ich einmal entdeckt habe:

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Koreanischer Essen geht fast nicht. Fehlt eigentlich nur ein bisschen Makgeolli.

 

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1 Response

  1. Danke für den schönen Bericht. In Gyeongju fand ich es auch sehr interessant. Diesen Teil der koreanischen Geschichte kannte ich vorher nicht. Seokram war eher enttäuschend. Der Buddha hinter einer Glaswand und Fotografieren durfte man auch nicht. Berühmt sind die Sunmodo Vorführungen der Mönche am Golgulsa Tempel (habe ich leider verpasst, s. mein Bericht) und Temple Stay ist auch möglich.

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