Coronavirus # 3: Alltag in Zeiten der Hysterie

Was taugt „Du hast eine schöne Schutzmaske.“ als Anmachspruch?

Die Lage in Südkorea

Immer noch ist Daegu das Zentrum des COVID-19 Ausbruchs. Andere Regionen und Städte sind deutlich weniger betroffen – Seoul hat lediglich ein paar Dutzend knapp 100 Fälle.

Jeder trägt Mundschutzmaske, an fast allen öffentlichen Orten befindet sich irgendwo ein Handdesinfektionsmittel, alle Schulen bleiben noch mindestens eine Woche geschlossen, Erwachsenenbildung läuft über Videokonferenzen, Massenveranstaltungen wie Fußballspiele oder Festivals sind abgesagt. Zumindest in Seoul gehen die Leute aber immer noch fleißig in Restaurants und Cafés und die Supermarktregale sind üppig gefüllt. Einzig Schutzmasken gibt’s kaum noch zu kaufen.

Update Montagabend: Die Schulen bleiben in Korea mindestens noch drei Wochen geschlossen – bis inklusive 22. März.

Mein Sonntagsspaziergang führte mich auf und um den Namsan und brachte eine interessante Erkenntnis: die Wanderwege sind eigentlich normal frequentiert, der touristische Namsan Tower ist dagegen verwaist. Zur besten Mittagszeit saß nur eine gute Dutzendschaft in kleinen Grüppchen herum und im ersten Untergeschoß war ich fast der einzige Passant.

Viele Länder haben mittlerweile Einreisebeschränkungen gegen Südkorea verabschiedet, was auch den nationalen Carrier Korean Air ordentlich durchbeutelt. Die Direktverbindung nach Wien wird – vermutlich aus Rentabilitätsgründen – ab April auf einmal pro Woche reduziert. Die Flüge nach Tel Aviv, Mailand und Zagreb sind oder werden demnächst komplett eingestellt. Innerhalb Ost- und Südostasiens geht ab März fast nichts mehr.

Link zum Korean Air-Info-PDF.

Österreich ergibt sich der Hysterie

Verrückt wie sich alles entwickelt. Man will Geschäfte internationalisieren, Produktionsstätten auslagern, fremde Kulturen erleben, im Ausland Karriere machen und dann kommt ein kleiner Virus und macht innerhalb weniger Wochen fast alles kaputt.

Meine Reaktion auf all das ist die Absage meines geplanten Heimaturlaubs. Es besteht mittlerweile eine realistische Chance, dass die Einreisebestimmungen entweder von Korea Richtung Österreich oder umgekehrt sehr plötzlich verschärft werden. Keiner hat etwas davon, wenn ich dort oder da 14 Tage in Quarantäne komme. Schon gar nicht wegen eines Virus, das bisher nicht mal die herkömmliche Grippe übertrumpft. In Ruhe aussitzen, statt mitten in die Hysterie zu springen, scheint eine gute Devise. Gerade an Flughäfen ist man der staatlichen Willkür chancenlos unterworfen.

Eigentlich hat die Furcht vor dem Virus viel schlimmere Konsequenzen, als eine Infektion. Fast müsste man Nationalismusausbrüche, Paranoia und obsessives Desinfizieren als Kernsymptome von COVID-19 definieren. Diese drei Dinge sind vielleicht auch angebracht, aber das Experten- und Mediennarrativ hinkt ein wenig.

Die Zombie-Apokalypse gibt es nur in der Zeitung

woman holding newspaper while burning
Photo by Bruno Moretti on Pexels.com

Aus dem angeblich renommierten Time Magazine:

On the streets of South Korean cities, the scent of disinfectant hangs in the air, as crews circulated—spraying chemicals meant to kill pathogens.

Unglaublicher Schwachsinn. Ja, es wird desinfiziert, aber dieser Autor hat zu oft Apocalypse Now gesehen.

Nearly all stairwells, subway stations and coffee shops now make hand sanitizer available at entrances.

Super! Machen wir das bitte jeden Winter so! Auch gegen Erkältungen und Grippe.

The few people plying the subway are nearly all clad in masks and moving with a sense of jittery urgency.

Erstens: es sind hauptsächlich deshalb weniger (wenigER, nicht wenigE) Menschen in der U-Bahn, weil die staatlichen Behörden eine Stunde später mit der Arbeit beginnen. Warum? Damit in der Stoßzeit nicht ganz so viele Menschen in der U-Bahn auf einem Haufen sind. Super! Machen wir das bitte immer so! Auch Homeoffice setzt sich jetzt plötzlich durch. Wo ist das Problem?

Zweitens: „Fast alle in Masken gekleidet“. So wie immer im Winter oder bei hoher Feinstaubbelastung.

Drittens: „Jittering Urgency“ – das ist keine Corona-Nebenwirkung, sondern koreanischer Lebensstil.

Link zum Artikel

Der Diskurs hat Logikprobleme

Haben in Wuhan tatsächlich ein paar Leute Fledermaussuppe gegessen und sich so infiziert? Ziemlich sicher nicht. Die einschlägigen Videos und Fotos, die Verkauf oder Verzehr von Fledermäusen zeigen, sind auf der Pazifikinsel Palau oder in Indonesien entstanden. Mehr Infos gibt’s hier (Englisch).

batman car comic book hero

Auf Palau ist Fledermaussuppe anscheinend wirklich eine Spezialität. Allerdings ist dort noch niemand davon krank geworden.

Außerdem habe ich auf Märkten in Thailand und Laos einige Absonderlichkeiten mit eigenen Augen gesehen (Ratten, Kröten, Skorpione, keine Fledermäuse!), aber davon wird man wohl Lebensmittelvergiftung und keine Erkältung bekommen.

Realismuswertung: 20 %

Der Glaube macht krank?

Eine Koreanerin besucht Anfang Februar ein Krankenhaus, verweigert aber einen Corona-Test. Danach nimmt sie an zwei Sonntagsmessen der geheimnisumwobenen Megasekte Shincheonji (210.000 Mitglieder) teil und steckt dort direkt oder indirekt tausende Menschen an.

Welche Orgien spielen sich bloß bei diesen Hochämtern ab?

Die Behörden wollen alle Mitgliedsdaten haben, um die Quarantäne sicherzustellen, aber die Sekte weigert sich anfangs und das Virus kann sich noch ein paar Tage länger ausbreiten. Bis heute betreffen 60 % der koreanischen Corona-Erkrankungen Mitglieder dieser Sekte.

Ironischer Weise glauben die Mitglieder, dass ihr Anführer der Wiedergekehrte Jesus und damit unsterblich ist.

Realismuswertung: 30 %, Kabaretttauglichkeit: 100 %

Und die Moral von der Geschichte?

Ist dieses Chaos überfällig, existenzbedrohend oder bloß ein kurzfristiger Störfaktor? Selig der, dem alle drei Optionen gleichgültig sein können. Die Kühe werden morgen noch Milch geben und die Bäume und Sträucher werden weiterhin in den Frühling treiben.

nature animal agriculture cow
Photo by Pixabay on Pexels.com

„Coronavirus ist mir egal!“ sagen und es dann doch bekommen, wäre aber slapstickhaft. Vielleicht ist es real. Vielleicht ist es sogar schlimmer, als bisher bekannt. Sorgen machen aber hauptsächlich die überbordenden Schutzmaßnahmen auf der ganzen Welt und die leeren Supermärkte in Italien.

Nachdem die lieben Mitmenschen gefährlicher sein können, als jedes Virus, hab ich mal ein paar Essensvorräte und Mineralwasser angeschafft. Für alle Fälle.

Noch sind wir aber nicht im Film „28 Tage später“. Maximal in „Shaun of the Dead“ – nur ohne Zombies.

 

 

4 Gedanken zu “Coronavirus # 3: Alltag in Zeiten der Hysterie

  1. Bei mir würde eine Urlaubreise von Deutschland nach Südkorea in 17 Tagen beginnen…noch geht der Flieger der LH und anstecken kann ich mich hier wohl auch. Ungutes Gefühl, aber noch keine Hysterie.

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    1. Danke für den Kommentar. Ich kann mir vorstellen, dass in zwei Wochen die Situation in Deutschland auch sehr schlecht sein wird. Nur als aktuelle Zusatzinformation: die Schulen in Korea bleiben zumindest noch bis 22.03. geschlossen. Die Sperre ist heute verlängert worden.

      Gefällt 1 Person

  2. Das ist „lustig“, wenn man nur nachts arbeitet, da ist man nämlich genau zu den Bürozeiten Koreas munter und so erreichte mich heute die Rückbuchung meines Schwanenseetickets. Hatte schon gesehen, dass das Konzert der HongKong Symphoniker ausgefallen war, aber das machte im Zusammenhang mit China wohl irgendwie Sinn. Das Seoul Art Center ist ein Riesenkunstkomplex und so ist ein Klavierkonzert an meinem geplanten Ballettabend immer noch verfügbar.
    Das ist alles sehr schade, war das Ticket zu buchen als Ausländer eh schon ein Abenteuer und nur mit Hilfe des Concierge möglich. Der wirtschaftliche Schaden für die Kompanie ist natürlich auch immens, selbst wenn sie ähnlich wie in Deutschland subventioniert werden.
    Habe dann gleich mal meinen ersten Programmpunkt der Reise gegengecheckt: die englische Führung im Leeum Museum, nicht nur die Führung fällt aus, nein das ganze Museum ist geschlossen:https://360hcopa.files.wordpress.com/2020/03/screenshot_20200303-055540_chrome.jpg
    Langsam wird’s eklig, die großen Paläste haben zwar auch alle Führungen abgesagt, sind aber noch besuchbar, wenigstens was.http://www.cdg.go.kr/eng/
    War gerade in meinem Hotelportal, ob es da Rückbuchungen gibt, da ist aber alles noch im grünen Bereich.

    Liken

  3. Ich weiß nicht, was Tatsache ist. In etlichen Medien wird immer, rund um die Uhr über dir Verbreitung des Coronavirus diskutiert. Daher habe ich tatsächlich große Angst darüber. Aber andererseits habe ich eine Frage, ob dieses Coronavirus gefährlich genug ist, um sensibel zu reagieren.

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