Coronavirus # 4: Panik schau’n und Tee trinken

Heimaturlaub abgesagt. Italien neue Nummer 2. Und in Südkorea wird keiner gesund – warum eigentlich?

Heimaturlaub abgeblasen

Diesen Artikel schreibe ich mit Wehmut, denn heute wäre ich eigentlich in Österreich und hätte vielleicht Mamas Gulasch vor mir, wenn das Coronavirus nicht wäre. Als Vorsichtsmaßnahme habe ich die Reise storniert. Ob es die richtige Entscheidung oder übertrieben war, wird frühestens an meinem geplanten Rückkehrdatum feststehen.

Stunden vor meinem ursprünglich geplanten Abflug am Samstag machte folgende Mitteilung in Österreich die Runde:

Hinter den Kulissen laufen derzeit hektische diplomatische Verhandlungen von Außenminister Alexander Schallenberg mit [Südkorea und Iran], damit diese von sich aus ihre Flugzeuge am Boden lassen und nicht Richtung Wien schicken. Noch gibt es keine Entscheidung.

Es österreichischt: Landeverbot ist unangenehm, also geht man’s hinterrücks an. Vielleicht keine schlechte Strategie, aber etwas nervig. Wäre ich mit dieser Information in meine letzte Nacht vor dem Abflug gegangen, dann hätte ich wohl auf der Straße wahllos Menschen den Kopf abgerissen.

Am Sonntag schafft eine Aussendung des Außenministeriums Klarheit:

Aufgrund der Verbreitung des Coronavirus werden Direktflüge aus Seoul ab 9. März 2020 für voraussichtlich 14 Tage eingestellt.

Heißt: Ich wäre in der vorerst letzten Direktverbindung gesessen. Heißt aber auch, dass nun in Mitteleuropa die Corona-Panik voll im Gange ist, während sich in Südkorea die Lage wohl langsam beruhigen wird.

Alltag in Zeiten der Corona-Panik

Alles neu macht der März. Bis die koreanische Regierung die Schulen wieder öffnet, gilt für meinen Arbeitsalltag folgendes:

  1. Alle Sprachkurse sind ins Internet verlagert und laufen mit Videokonferenz und Online-Tutorierung.
  2. Alle Mitarbeiter, die nicht unbedingt vor Ort sein müssen, sollen von zu Hause arbeiten.
  3. Wer kommen muss, soll keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen.
  4. Es dürfen keine Externen mehr ins Gebäude (Kunden, Handwerker usw.). Kundenkontakt läuft ausschließlich online oder telefonisch.

Autisten aller Länder, jubiliert!

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Vielleicht mein neuer Arbeitsplatz? Mobiles Internet macht’s möglich.

Warum wird in Südkorea niemand gesund?

Ein großes Problem Koreas ist nicht nur die hohe Rate an Infizierten, sondern auch die verblüffend niedrige Zahl an Genesenen. Der Korea Herald hat sich jetzt dieses Paradoxons angenommen und berichtet, dass das Land international mit die schärfsten Regeln für Status „geheilt“ hat. Während in Österreich zuletzt ein italienisches Pärchen nach bereits zehn Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, müssen Patienten in Südkorea 1) stets 14 Tage ausharren, 2) einen negativen Virusbescheid bekommen, 3) danach 24 Stunden warten und 4) nach dieser Pause einen zweiten negativen Virusbescheid bekommen.

Sorgfalt oder Amtsschimmel? Ich höre ein leichtes Wiehern! Die vereinzelten Fälle von falschen Testergebnissen und Neuinfektionen sind aber nicht zu vergessen.

Wo sind all die Masken hin?

Zwei Institutionen geben widersprüchliche Informationen weiter:

Korea Medical Association: Schutzmasken sind immer und überall zu tragen (Übersetzung: Wir können Masken teurer verkaufen und viel Geld verdienen, muahahaha.).

Regierung: Masken sind nicht immer und überall zu tragen. Gut Lüften und „soziale Distanz“ sind sinnvoller. (Übersetzung: Hilfe, wir haben immer Masken getragen, aber jetzt gibt es keine mehr und wir müssen uns ein anderes Narrativ aus den Fingern saugen.)

Eigentlich egal, wer recht hat, denn in den letzten Tagen gab es sowieso kaum mehr Masken zu kaufen. Aktuell entspannt sich die Situation allerdings. Es wurde ein ausgeklügeltes Verkaufssystem eingeführt, wonach an jedem Tag der Woche Personen eines bestimmten Geburtsjahres in Apotheken ein oder zwei Masken kaufen können. Ein Beispiel: Wessen Geburtsjahr auf 1 oder 6 endet (2001, 1991, 1986 usw.) kommt am Montag, mit 2 oder 7 am Dienstag usw. Nur samstags können alle kommen.

Die vergessenen Senioren

Die Schöne Neue Smartphone-Welt zeigt seine Schattenseiten, nämlich den kompletten Ausschluss der älteren Generation vom Informationsfluss. In Korea lassen sich viele Dinge online bestellen und alle Informationen online finden. Freilich nur, wenn man das technische Equipment und Know-How dazu hat. Noch dazu haben coronabedingt alle Seniorenzentren und NGOs im Pflegebereich geschlossen. Den lieben Alten bleibt also oft nichts anderes übrig, als zu Hause rumzuhocken und Lagerkoller zu bekommen.

 

Wie geht’s weiter?

Fünfstellig ist sie letzte Woche nicht geworden, die Zahl der Infizierten. Das ist gut. Außerdem bemühen sich Italien und der Iran nach Italien nun Spanien und Deutschland redlich, Südkorea von der Weltspitze zu verdränden (Update 15.03.20).  Am Ende wird doch nicht wieder Deutschland gewinnen? Vielleicht nur im Fußball.

 

Seit Mitte Februar gab’s hier drei Wochen des Wahnsinns. In Woche 1 hat sich die Zahl der Infizierten verzwanzigfacht, in Woche 2 in etwa verfünffacht, letzte Woche nicht mal verdreifacht. Auch die seltsame Geschichte mit der Shincheonji Sekte, über die ich letzte Woche berichtet habe, dürfte jetzt vorbeigehen. Deren Führer hat sich öffentlich entschuldigt, fast alle Mitglieder wurden getestet. Unfassbar, dass immer noch rund 60 % aller Infizierten in Korea Shincheonji-Mitglieder sind. Darüber hinaus dürfte die von der Regierung versuchte geografische Eindämmung des Virus in der Stadt Daegu gelingen: rund 90 % aller landesweit Infizierten befinden sich in dieser Stadt und seiner Nachbarprovinz.

In Seoul gibt es weiterhin wenig Einschränkungen. Es gibt keine Engpässe in den Supermärkten, die Menschen gehen immer noch zahlreich in Restaurants (vor allem mittags) und spazieren gegangen und gewandert wird eher häufiger, als sonst. Was soll man auch tun, wenn alle Massenveranstaltungen abgesagt sind.

Nichts hilft besser gegen Virus-Panik, als Sonnenschein, ein rauschendes Blätterdach und eine frischen Brise mit leichtem Pinienduft.

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5 Gedanken zu “Coronavirus # 4: Panik schau’n und Tee trinken

  1. Schade , dass du deinen Heimaturlaub absagen musstest! Hoffentlich ist das Ganze irgendwann einmal vorbei und zwar bevor die hiesigen Hamsterkäufer ihre riesigen Vorräte von Toilettenpapier und Nudeln aufgebraucht haben.
    Wünsche dir alles Gute 😊

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  2. In München drehen die Leute auch langsam durch. Die ersten Schulen und Kindergärten sind geschlossen, Leute arbeiten von zu Hause aus. Ich bin kurz davor wieder zurück nach Wien zu ziehen! Obwohl ich mit dem Zug fahren werde – in zwei Wochen – hoffe ich ja sehr, dass ich zurück nach Hause komme. Meine Familie sagt auch, dass Leute anfangen Vorräte zu kaufen… Naja. Bei euch klingt es langsam ab, bei uns wird’s immer stärker.

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  3. Hätten sie einen Flieger nach Deutschland genommen und von dort mit dem Zug zum Gulasch, meine Lufthansaverbindung steht immer noch, völlig im Gegensatz zur verbreitenden Panik.

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