Was ist Heimat?

Zwei Familienangehörige stellten mir in den letzten Wochen unausweichliche Fragen: „Hast du eigentlich Heimweh?“ und „Was fehlt dir denn hier am meisten?“. Ich wusste keine Antwort, was mich selbst überrascht hat.

Heimweh?

Auf einem konservativen Blog las ich vor kurzem den Kommentar eines Lehrers zur Identitätsmisere der jungen Generationen (Link zum Artikel mit dem Titel „Historischer Analphabetismus“). Der Autor meint, dass die schrittweise Reduktion von Schulfächern wie Religion und Geschichte eine relativistisch-enteuropäisierte Generation ohne Identitätsbewusstsein heranwachsen habe lassen.

Als möglicher Angehöriger dieser genannten Generation(en) habe ich mich von diesem Artikel seltsam angesprochen gefühlt. „Hast du eigentlich so etwas wie Heimweh?“, fragte mich einmal jemand über Videotelefonie. In dem Moment wusste ich nicht so recht zu antworten.  Nach Wochen des fallweisen Herumgrübelns kommt mir immer noch nur eine Miniantwort in den Sinn: „Nein.“ Ahnend, dass das nicht normal sein kann, machte ich mich auf eine gedankliche Entdeckungsreise: „Warum nicht?“. Wurde ich etwa erfolgreich relativiert-enteuropäisiert? Sieben Gedanken dazu:

Erster Gedanke: Sprache!

Ich lebe in Südkorea, aber ich lebe auf Deutsch. All meinen Bemühungen zum Erlernen der koreanischen Sprache und meiner Bewunderung koreanischer Kultur zum Trotz arbeite ich auf Deutsch, verarbeite neue Eindrücke auf Deutsch (wie du hier gerade liest) und pflege Freundschaften und Bekanntschaften auf Deutsch. Ausschließlich. Leider. Leider? Die menschliche Komponente ist fast komplett an meinem Arbeitsplatz vernabelt, aber ist – ernsthaft gesprochen – die beste, schönste, tollste, die ich jemals erlebt habe. Mit der potenziellen Ausnahme eines sechsmonatigen Auslandsaufenthalts in Kanada während meiner jüngeren Jahre im vierzehnten Jahrhundert. Dass sich die anderen beiden Deutschlehrer in ungefähr meinem Alter eher früher als später wieder verabschieden werden, ist allerdings ein potenzielles Problem – wenngleich keines für die Gegenwart.

Doch da ist noch etwas. Durch den Besuch meiner Lieblingsschwester (ich entschuldige mich bei meinen anderen null Schwestern) kam mir noch ein Detail in den Sinn. Deutsche Sprache ist Heimat, aber Deutsch allein ist nicht hundert Prozent. Da gibt’s noch das Österreichische: Dialekt, Akzent, Standardvariation … wie auch immer man es nennen mag. Als mir ihr gegenüber wieder mal Österreichisches Deutsch herausrutschte war es, als würde sich eine innere Anspannung lösen. Die Stimme der Heimat entspannt. Ironischer Weise machen gleichzeit Nachrichten aus der Heimat oft zornig. Österreich – vielleicht kein Quell der Rationalität.

Ich bin schon gespannt, ob ich mich im Laufe der nächsten Monate (Jahre?) zu Deutschländisch assimiliere oder nicht.

Zweiter Gedanke: Wohnort!

Zu meiner eigenen Verblüffung weine ich meiner Heimatstadt Wien nur selten nach. Und wenn, dann wegen seiner Ästhetik. Seoul fehlt diese bombastisch-imperiale Komponente einer jahrhundertealten Kontinentalmetropole. Stattdessen ist es modern, zukunftsorientiert, manchmal auch traditionell, aber immer pragmatisch. Ein Einfamilienhaus für jeden? Schicke Altbauten im Zentrum? Tut Leid, bei 25 Millionen Bewohnenern illusorisch. Macht es Spaß in sowjetverdächtigen Wohnklötzen oder 13 m² Kapselwohnungen zu vegetieren? Nein. Kann man derartig viele Menschen anders mit leistbarem, solidem Wohnraum versorgen? Nein. Pragmatismus siegt. Eine Kultur, die Gesichtsverlust als größtmögliche Niederlage empfindet, errichtet gesichtslose Städte. Wien bietet definitiv mehr „Boah!“-Momente, als das zehn Mal größere Seoul. Aber – und das ist das eigentliche Meisterstück – Seoul wirkt nicht um so viel größer. Effizient. Pragmatisch. Schön – auf eine autistische Art.

Dritter Gedanke: Natur!

Wenn ich heute an Österreich denke, kommt mir zunächst nicht Wien in den Sinn. Stattdessen steigen teils aktuelle, teils sehr alte Erinnerungen an Österreichreisen in mir auf: Salzkammergut, Ossiacher See, Wanderungen im Wienerwald und in der Wachau, Innsbruck, die Störche in der March-Au.

Hinter all dem muss sich Südkorea allerdings nicht verstecken. Ohne bisher einen auch nur ansatzweise kompletten Nationalpark- und Wanderüberblick zu haben kann ich doch festhalten, dass mir die hiesige Natur ans Herz gewachsen ist. Allein die Seouler Stadthügel (Namsan, Inwangsan, Bogaksan) sind sehenswert, aber mit dem Bukhansan Nationalpark verfügt die Stadt noch dazu über ein traumhaftes kleines Wildnis-Refugium.

Korea April 119

Bukhansan-Nationalpark

Besonders ansprechend finde ich den felsigen Charakter der koreanischen Landschaft. Bereits während meiner Trips nach Schweden und Schottland ist mir aufgefallen, dass felsige Landschaften für mich seltsam anziehend und meditativ sind.

Vierter Gedanke: Essen!

Gibt es ein Land, wo man durchgehend schlecht isst? Natürlich nicht. Der wahre Test ist die lokale Hausmannskost. Schnitzel ist ja unbestreitbar gut, aber die Frage ist eher, ob das Butterbrot oder Käsebrot schmeckt. Das isst man nun mal wesentlich öfter, als Schnitzel. In Korea heißt das: Natürlich sind Bulgogi und frische Krabben super, aber hält man die vier bis fünf Wochenmahlzeiten auf Kimchi-Basis (Gimbap, Eintopf, gebratener Reis usw.) aus? Mein Antwort: JAAAA.

Fünfter Gedanke: Zukunft!

2017 entwickelte ich nach vier Jahren als Deutschtrainer in Wien zwei Zukunftsvisionen. Entweder im Bildungsbereich einen Schritt nach vorne gehen (angestellte Lehrkraft oder Leitungsfunktion) oder Umschulung zum Softwaretester (kein Witz!). Mit dem Umzug nach Südkorea ist es nun Version 1 geworden und ich bin sehr glücklich damit. Karrieretechnisch ist meine jetzige Position nahe am Optimum. Ich bin (befristete) Vertragslehrkraft an einem äußerst renommierten Kulturinstitut mit reichlich Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Befristet hauptsächlich deshalb, weil das Visum für Südkorea auf ein Jahr befristet ist.

Mein jetziger Status ist äußerst fragil und realistisch betrachtet kann es für mich nur bergab gehen – entweder in der Lebensqualität oder finanziell. Die langfristigen Zukunftsvarianten sind einerseits „reisender“ Deutschlehrer und andererseits eine Heimkehr nach Österreich. Beides wäre ziemlich sicher mit finanziellen Einbußen verbunden. Eine Chance wäre immer noch der Sprung in eine Leitungsfunktion innerhalb der Erwachsenenbildung. Doch das ist ein Thema für die Zeit ab 2020. Jetzt versuche ich einfach diese tolle Lebensphase zu genießen.

Für die nächsten eineinhalb Jahre ist mit meinem Arbeitgeber zumindest mündlich alles geklärt. Ich denke nicht, dass hier kurzfristig noch etwas dazwischen kommt. Dieser Zeitrahmen klingt vielleicht nicht nach viel, aber für einen langjährigen Freelancer/Freiberufler mit null Auftrags- und Honorarsicherheit sind es zwei Schritte nach vorne und ein regelrechter Segen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich aus einem der sozialdemokratischsten Länder in ein wirtschaftlich sehr dereguliertes Land ziehen musste, um ein halbwegs stabiles Dienstverhältnis zu bekommen.

Sechster Gedanke: Privilegien!

Der Wert eines muttersprachlichen Deutschlehrers ist für ein Sprachinstitut immens. Bei einer aktuellen Umfrage in Südkorea kam heraus, dass 81 % aller Deutschlerner muttersprachliche Lehrkräfte sehr wichtig finden. Und in der Erwachsenenbildung gibt nun mal nicht so viele von uns. Vielleicht zwanzig, vielleicht zwei Dutzend. Im ganzen Land wohlgemerkt, inklusive Universitäten. Dementsprechend bin ich in einer über die Maßen privilegierten Position: keine Zwangsunterwerfung unter volatile koreanische Betriebshierarchien inklusive regelmäßiger Besäufnisse, keine endlosen Arbeitszeiten oder Sieben-Tage-Wochen. Ich bin König meiner Seifenblase.

Ich hoffe, dass ich dieses Privileg nie unter Arroganz begrabe.

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Siebter Gedanke: Klima und Jahreszeiten!

Die Jahreszeitenabfolge ist in Österreich und Südkorea gleich. Nachdem Ostösterreich bereits das heißeste deutschssprachige Pflaster sein dürfte, fiel mir die Umstellung nicht extrem schwer. Winter und Hochsommer in Südkorea sind allerdings immer noch eine größere Herausforderung. Im Sommer sind die Spitzentemperaturen in etwa gleich, die Luftfeuchtigkeit jedoch deutlich höher. Im Winter sind die Tiefsttemperaturen in Korea teils deutlich niedriger.

Habe ich etwas vergessen? In die Kommentare damit!

Fehlt mir etwas?

Es rächt sich ein bisschen, dass ich ich im Dezember im Minimalstil umgezogen bin (siehe Packliste). Viel fehlt mir eigentlich nicht, aber um meine CD-Sammlung ist es ein bisschen schade. Auch meine Stammgitarre hätte ich manchmal gern wieder. Hierzu fällt mir aber ein italienischer Musiker ein, den ich auf Reisen einmal traf. Als ich sah, dass dieser mit einer Billiggitarre unterwegs war, habe ich ihn darauf angesprochen. Sollte ein Profimusiker nicht mit einem anständigen und vertrauten Gerät unterwegs sein? Seine Antwort: „Das ist doch nur ein Werkzeug. Wen interessiert’s.“ Diese Einstellung versuche ich so gut wie möglich zu übernehmen.

Kulinarisch gibt es einiges zu bedauern: Gulasch, Knödel und Fleisch, das nicht stäbchengerecht gefutzelt wurde. Belegtes Brot.

Und dann bleibt natürlich das Zwischenmenschliche: Regelmäßiger Kontakt nach Wien ist durch die leicht verfügbare Videotelefonie jetzt fast unproblematischer. Früher musste ich Straßenbahn fahren, um jemanden zu besuchen oder zu treffen. Jetzt geht es mit einem Klick. 🙂 Das ist natürlich nicht das Gleiche, aber immerhin nah dran. Ich bin ein introvertierter Mensch, also ist das Videotelefonieren weniger anstrengend und dabei ähnlich zufriedenstellend wie ein persönliches Beisammensein. Ich bin allerdings heilfroh, dass ich keine Ehefrau/Freundin oder sogar Kinder zurücklassen musste. Aus eigener Erfahrung bin ich überzeugt, dass Fernbeziehungen auf Dauer nicht funktionieren können.

Fazit

Bin ich enteuropäisiert? Eigentlich habe ich in Südkorea mehr von dem Europa, von dem der anfangs genannte Autor schreibt. Ziemlich sicher mehr von einem christlichen Europa, denn die christlichen Freikirchen sind hier ähnlich einflussreich, wie in den USA. Dazu lebe ich, wie zuvor ausführlich dargelegt, in einer „europäischen“ Seifenblase innerhalb Südkoreas. In einer Parallelwelt, quasi. Aus dieser Perspektive betrachtet bin ich vielleicht sogar zu europäisiert.

In jeden Fall bestätigt mir das Durchdenken und Niederschreiben all dieser Dinge eines: Ich hatte Glück, aber dieses mit Einsatz, Planung und Mut zum Risiko auch erzwungen. Dass dieses Glück zunächst nur mir allein weiterhilft, ist ein Makel. Jedoch habe ich nicht behauptet, dass sich hier ein Heldenmythos entspinnen würde, in dem die Welt vor dem drohenden Untergang bewahrt wird. Vielleicht beim nächsten Mal. Zuvor muss ich noch viele Dinge in Ordnung bringen. Die Wäsche ist gerade fertig …

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